In einem Interview mit dem »Tagesspiegel« vom 4. Mai forderte der Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Rolf MĂŒtzenich, den Abzug der amerikanischen Atombomben aus Deutschland und den Ausstieg Deutschlands aus der Nuklearen Teilhabe der Nato. Er wird darin durch die Ko-Vorsitzenden der SPD unterstĂŒtzt. Der Abgeordnete MĂŒtzenich begrĂŒndet seine Forderung im Wesentlichen mit seinem Misstrauen gegenĂŒber der amerikanischen Regierung unter PrĂ€sident Trump, die ihre Nuklearstrategie so verĂ€ndert habe, dass ein »Einsatz dieser Waffen in Europa wieder viel wahrscheinlicher geworden« sei und Atomwaffen auf deutschem Gebiet daher unsere Sicherheit bedrohten. FĂŒr Fachleute ist offenkundig, dass dieser VorstoĂ auf einer bedenklichen Fehlinterpretation der Nato-Strategie beruht, die die deutsche Regierung, einschlieĂlich ihrer sozialdemokratischen AuĂenminister, maĂgeblich mitgestaltet hat.
Die Forderungen MĂŒtzenichs stehen im Zusammenhang mit der anhebenden Debatte ĂŒber die Absicht von Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer, fĂŒr die Nachfolge des Tornado-Jagdbombers unter anderem amerikanische Fâ18-Kampfflugzeuge zu beschaffen, die auch die Aufgabe des Tornados ĂŒbernehmen können, in einem Krieg gegebenenfalls amerikanische Atombomben ins Ziel zu bringen. Die AnkĂŒndigung hat heftige Reaktionen ausgelöst. Einige SPD-Abgeordnete fordern eine ergebnisoffene Debatte, bevor eine endgĂŒltige Entscheidung getroffen werde.
Eine solche Debatte muss aber mit einer grĂŒndlichen, sachgerechten Analyse der Nato-Strategie beginnen. Sie muss ebenso klar die Strategie und das militĂ€rische Potential Russlands benennen, vor denen die Nato uns schĂŒtzt. Und sie muss mit der Bereitschaft verbunden sein, sich auf die komplexe, schwierige und manchmal auch schwer ertrĂ€gliche Logik von Abschreckung einzulassen und zu durchdenken, was geboten ist, um jederzeit unsere Sicherheit und die unserer VerbĂŒndeten zu gewĂ€hrleisten. Dabei kommt es darauf an, nicht nur auf Atomwaffen zu fokussieren, schon gar nicht auf eine einzige Kategorie, sondern stets das gesamte Spektrum an militĂ€rischen FĂ€higkeiten und Optionen zu beurteilen, auf russischer wie auf Nato-Seite.
Erstens:
Die Nato schĂŒtzt ihre Mitglieder vor möglichen Bedrohungen von auĂen. Durch glaubwĂŒrdige Abschreckung und gesicherte VerteidigungsfĂ€higkeit will sie militĂ€rische Angriffe abwehren können, eine mögliche Angriffsdrohung entkrĂ€ften, eine Krise de-eskalieren und stabilisieren und damit Krieg in Europa verhindern. Zudem trĂ€gt sie dazu bei, Krisen auĂerhalb des BĂŒndnisgebiets zu bewĂ€ltigen und arbeitet mit heute ĂŒber 40 Partnernationen, der EU und den Vereinten Nationen zusammen.
Zweitens:
Seit der russischen Aggression gegen die Ukraine und der widerrechtlichen Annexion der Krim im Jahr 2014 hat die Nato ihre Abschreckungs- und VerteidigungsfĂ€higkeit deutlich verstĂ€rkt. Russlands »hybride« Strategie zielt darauf ab, den Westen von innen heraus destabilisieren und von auĂen her einschĂŒchtern zu können. Man kann die GrundsĂ€tze dieser Strategie beim russischen Generalstabschef Gerasimow nachlesen. Das Spektrum an Instrumenten reicht von gezielter Desinformation, Cyberangriffen, systematischer konventioneller AufrĂŒstung und Modernisierung des gewaltigen Nuklearpotentials, AngriffsĂŒbungen gegen die Nato bis hin zu Drohungen mit Atomwaffen. Neue, nuklearfĂ€hige Mittelstreckenraketen können Ziele in fast ganz Europa erreichen â schon heute. Alle diese Mittel, auch die Androhung militĂ€rischer Gewalt und der Einsatz militĂ€rischer Mittel, dienen PrĂ€sident Putin dem Erreichen seiner geopolitischen Ziele.
Drittens:
Wer Nuklearwaffen hat, denkt und agiert in der Logik von Abschreckung, defensiv oder offensiv. Defensiv, um eine Aggression zu verhindern, eine Nötigung zu entkrĂ€ften, dem Angreifer Handlungsoptionen zu versagen und die eigene Handlungsfreiheit zu erhalten. Offensiv, um den Verteidiger einzuschĂŒchtern und zu nötigen, seine Gegenwehr zu entmutigen und ihm Handlungsoptionen fĂŒr eine wirkungsvolle Verteidigung zu versagen. Die Strategie der Nato ist defensiv. Ein Krieg in Europa ginge nicht von ihr aus. Aber sie trifft Vorsorge dagegen, dass eine mögliche politische Krise mit wachsenden Spannungen in einen militĂ€rischen Angriff auf VerbĂŒndete eskaliert. Ihr Abschreckungsdispositiv soll das RisikokalkĂŒl des Gegners beeinflussen. Es ist also wichtig, die eigenen Vorkehrungen aus dessen Sicht zu durchdenken, denn »deterrence happens in the mind of the opponent«.
Viertens:
Das weite Spektrum an konventionellen und nuklearen FĂ€higkeiten (den strategischen Nuklearwaffen der Vereinigten Staaten, den »unabhĂ€ngigen« strategischen Nuklearwaffen Frankreichs und GroĂbritanniens und den in Europa gelagerten amerikanischen Bomben) und inzwischen auch Cyber-Mitteln bietet der Nato eine Vielzahl von Optionen, von denen im Krisen- und Konfliktfall diejenigen zur Anwendung kommen wĂŒrden, die am ehesten einen Gegner von einer Aggression abhalten oder einen Angriff abwehren und einen Krieg rasch beenden können. Die notwendigen FĂ€higkeiten und die klar kommunizierte, demonstrative Entschlossenheit der Allianz, diese gemeinsam einzusetzen, wenn es erforderlich wĂ€re, machen eine Aggressionsdrohung in einer Krise wirkungslos und sichern die Entscheidungsfreiheit der VerbĂŒndeten. Die russische FĂŒhrung soll jederzeit zu dem Schluss kommen, dass auch ein begrenzter Angriff sofort die Nato als Ganze auf den Plan riefe, vor allem auch die Vereinigten Staaten, dass der Erfolg eines Angriffs, wo, wie und wann auch immer, zweifelhaft wĂ€re oder sogar die Nachteile fĂŒr Russland gröĂer wĂ€ren als der angestrebte Gewinn und dass im Extremfall ein solcher Angriff einen untragbar hohen Schaden fĂŒr Russland selbst zeitigen könnte, nĂ€mlich dann, wenn er zum Einsatz von Nuklearwaffen fĂŒhrte.
FĂŒnftens:
Im Vordergrund stehen natĂŒrlich die FĂ€higkeit und der Wille, einen möglichen Angriff durch gemeinsame Verteidigung mit konventionellen StreitkrĂ€ften abwehren zu können. WĂŒrde die Nato aber mit einer nuklearen Drohung konfrontiert, wĂ€re sie bestrebt, ihre Antwort so zu bemessen, dass sie wirkungsvoll aber verhĂ€ltnismĂ€Ăig wĂ€re und nach vernĂŒnftigem Ermessen die russische FĂŒhrung zum Einlenken veranlassen wĂŒrde. Welche Option in welcher Lage gewĂ€hlt wĂŒrde, lĂ€sst die Nato bewusst im Ungewissen. Ein Angreifer soll das mit einer Gewaltandrohung verbundene Risiko nicht kalkulieren und womöglich beherrschen können. Das ist der Kern der Nato-Strategie der »Flexible Response«,deren Prinzipien heute wieder gelten. Diplomatische BemĂŒhungen und die Mittel Strategischer Kommunikation gehören dazu. Es ist klar, dass die Nato eine FĂŒlle von Szenarien und Optionen durchdenkt, in Ăbungen testet, Verfahren plant, prĂŒft und optimiert. Die FĂ€higkeit, eine amerikanische Atombombe durch europĂ€ische Flugzeuge in ein Ziel in Russland zu bringen und diese FĂ€higkeit in einer Krise zu demonstrieren, ist also eine von vielen Optionen im AbschreckungsgefĂŒge der Nato. Deren Modernisierung erhöht die FlexibilitĂ€t der Nato, einer Aggressionsdrohung zu begegnen. Dies mit einer Erhöhung des Eskalationsrisikos gleichzusetzen, wie der SPD-Fraktionsvorsitzende dies tut, stellt die Dinge auf den Kopf.
Es geht um die einzige gemeinschaftliche nukleare AbschreckungsfÀhigkeit
Sechstens:
Die genannte FĂ€higkeit hat darĂŒber hinaus aber eine ĂŒberragende strategische und bĂŒndnispolitische Funktion. Sie stellt die einzige nukleare Abschreckungsoption in Europa dar, die auf einer gemeinschaftlichen FĂ€higkeit der Vereinigten Staaten und europĂ€ischer Staaten grĂŒndet, die selbst keine Nuklearwaffen besitzen. Sie ist der manifeste Ausdruck der amerikanischen erweiterten nuklearen Abschreckung fĂŒr Europa. Eine amerikanische Bombe, die Russland treffen könnte, signalisiert Moskau, dass Amerika fĂŒr die Sicherheit Europas mit seiner eigenen Sicherheit bĂŒrgt und das damit verbundene Risiko bewusst in Kauf nimmt. Denn ein russischer Gegenschlag könnte Amerika selbst treffen. Die Bereitstellung von Kampfflugzeugen und Schutzbauten, LagerstĂ€tten und technischer Infrastruktur durch europĂ€ische VerbĂŒndete auf deren Territorium â in Belgien, Deutschland, Italien, den Niederlanden und der TĂŒrkei â wiederum ist der Ausdruck fĂŒr deren Bereitschaft, dieses besondere Risiko mitzutragen. Weitere EuropĂ€er stellen Kampfflugzeuge fĂŒr den konventionellen Begleitschutz von möglichen nuklearen EinsĂ€tzen. Alle diese Vorkehrungen sind Ausweis bewusster nuklearer Risikoteilung und Ă€uĂerster SolidaritĂ€t zwischen Amerikanern und EuropĂ€ern.
Siebtens:
Man mag diese Logik als kalt und paradox empfinden. Aber alle Staats- und Regierungschefs haben in ihren GipfelerklĂ€rungen die zentrale Bedeutung dieser FĂ€higkeit fĂŒr die GlaubwĂŒrdigkeit und den Zusammenhalt des BĂŒndnisses herausgestellt. Ja, der amerikanische PrĂ€sident entscheidet ĂŒber den Einsatz amerikanischer Nuklearwaffen. Die Annahme aber, er könnte eine möglicherweise existenzielle Bedrohung der Vereinigten Staaten durch bewusste nukleare Eskalation in Europa herbeifĂŒhren wollen, ist absurd. Zudem wĂŒrde ĂŒber den Einsatz eines europĂ€ischen Kampfflugzeugs die verantwortliche Regierung entscheiden, also auch die deutsche. Die Planungen und Verfahren im Einzelnen sind in der Nato und in den beteiligten HauptstĂ€dten naturgemÀà geheim. Sie werden aber regelmĂ€Ăig erprobt und geĂŒbt. Die Nukleare Planungsgruppe, also die Nato-Verteidigungsminister ohne Frankreich, werden regelmĂ€Ăig darĂŒber unterrichtet. Sie werden auch zu Ăbungen konsultiert und billigen den Ăbungskalender. Die sogenannte Nukleare Teilhabe ist also die Kehrseite der nuklearen Risikoteilung in der Nato. Im Lichte der russischen Option, die Nato mit einer auf Europa begrenzten nuklearen Bedrohung zu konfrontieren in der Hoffnung, Amerika aus einem regionalen Konflikt heraushalten und Europa vom Schutz durch die Vereinigten Staaten abkoppeln zu können, ist die Bedeutung der amerikanischen Nuklearwaffen in Europa enorm gestiegen. Daher ist die Entscheidung fĂŒr den richtigen Nachfolger fĂŒr den Tornado, der auch dessen nukleare Rolle glaubwĂŒrdig fortfĂŒhren kann, notwendig und dringlich.
Achtens:
Die Absicht der SPD-FĂŒhrung, aus der Nuklearen Teilhabe auszusteigen und amerikanische Atombomben aus Deutschland zu verbannen, wĂŒrde weder die russische Bedrohung verringern noch die Nato-Strategie verĂ€ndern. Deutschland wĂŒrde aber das Risiko auf andere VerbĂŒndete abladen, die ebenfalls Kampfflugzeuge stellen, und sich faktisch der Mitverantwortung fĂŒr die Sicherheit aller entziehen, wenn es um eine besonders risikoreiche Mission ginge. Das wĂ€re ein schwerer Schlag fĂŒr die GlaubwĂŒrdigkeit und VerlĂ€sslichkeit Deutschlands, vor allem in den Augen unserer Nachbarn im Osten. FĂŒr das Vertrauen unter VerbĂŒndeten und den Zusammenhalt der Nato ist die Nukleare Teilhabe und Risikoteilung von zentraler Bedeutung. Sollten die anderen EuropĂ€er dann aber Deutschlands Beispiel folgen, hĂ€tten die Vereinigten Staaten eigentlich keinen Grund mehr, das Risiko eines nuklearen Schutzschirms fĂŒr Europas allein zu tragen. FĂŒr die Sicherheit Europas und die transatlantische Partnerschaft wĂ€re dies fatal.
Politische Kontrolle der Nato-Nuklearstrategie durch Deutschland wÀre passé
Neuntens:
Es bliebe offen, ob die Nukleare Planungsgruppe bestehen bliebe. Aber Berlin wĂŒrde fortan in besonders sensiblen nuklearen Fragen kaum mehr konsultiert, weder durch die Amerikaner noch durch die anderen EuropĂ€er. Politische Kontrolle der Nuklearstrategie der Nato durch Deutschland wĂ€re de facto passĂ©, zumindest aber sehr erschwert. Die Ăbernahme der in Deutschland gelagerten Atombomben durch Polen, wie dies der Abgeordnete MĂŒtzenich als Möglichkeit andeutet, wĂ€re ein eklatanter VerstoĂ gegen die Nato-Russland-Grundakte, auf deren Einhaltung sich die VerbĂŒndeten trotz der russischen Aggression und RechtsbrĂŒche verstĂ€ndigt haben. Darin hat sich das BĂŒndnis 1997 unilateral verpflichtet, keine Atomwaffen auf dem Territorium der damals neuen Mitglieder zu stationieren. Die Abkehr von dieser Selbstverpflichtung hĂ€tte groĂe destabilisierende Wirkung fĂŒr die gesamte Region. Es ist befremdlich, dass der Fraktionsvorsitzende der SPD dies ĂŒberhaupt in ErwĂ€gung zieht.
Zehntens:
Die Strategie des BĂŒndnisses stellt die berechtigten SicherheitsbedĂŒrfnisse Russlands bewusst in Rechnung. Das Nato-Dispositiv wird gestĂ€rkt, bleibt aber defensiv. Die MaĂnahmen der Nato sind ausgewogen, nicht exzessiv. Von ihnen geht keine Bedrohung fĂŒr Russland aus, wohl aber die Botschaft, dass Nötigung unwirksam bliebe und ein Angriff keinen Erfolg hĂ€tte. Auf die neuen russischen Mittelstreckenraketen wird die Allianz nicht mit neuen nuklearen Waffen in Europa antworten. Stattdessen verlegt sie sich auf defensive konventionelle Mittel wie Luft- und Raketenabwehr, die einer Drohung mit Raketen neutralisieren sollen. Und schlieĂlich hĂ€lt die Nato am regelmĂ€Ăigen Dialog mit Russland im Nato-Russland-Rat fest. Auch die militĂ€rischen Oberbefehlshaber tauschen sich aus. MissverstĂ€ndnisse sollen vermieden, Risiken minimiert und ein Minimum an Berechenbarkeit erhalten werden. Ebenso bekennt sich die Allianz zu einem Neuanfang in der RĂŒstungskontrolle in Europa. Derzeit gibt es aber schwerlich einen Anreiz fĂŒr den Kreml, in ernsthafte Verhandlungen einzutreten. WĂŒrden die amerikanischen Nuklearwaffen aus Europa verschwinden und Deutschland sich als wichtigster europĂ€ischer VerbĂŒndeter aus der Mitverantwortung fĂŒr nukleare Abschreckung verabschieden, hĂ€tte Putin noch weniger Anlass, sich auf RĂŒstungskontrolle in Europa einzulassen.






