General a.D. Knappe fĂŒhrte aus, dass sich die Rolle der StreitkrĂ€fte eigentlich nicht geĂ€ndert habe, sehr wohl jedoch ihre Wahrnehmung, vornehmlich natĂŒrlich durch den russischen Angriff auf die Ukraine.
Seit 1990 ist Deutschland nicht mehr Frontstaat, sondern rĂŒckwĂ€rtiges Gebiet durch die NATO-Osterweiterung. Die drastische Reduzierung der in Europa stationierten US-StreitkrĂ€fte erfordert den Aufbau von FĂ€higkeiten zur glaubwĂŒrdigen VerlegefĂ€higkeit der NATO-StreitkrĂ€fte ĂŒber nationale europĂ€ische Grenzen hinweg und vor allem durch die Verlegung von US-AufwuchskrĂ€ften aus den USA.
Nicht erst durch den Angriff Russlands auf die Ukraine rĂŒckt die Landes- und BĂŒndnisverteidigung wieder in den Mittelpunkt, dies ergab sich auch aus der Annexion der Krim 2014 und den Terrorakten in Europa in 2015/17. Leider fand dies zwar Eingang in die konzeptionellen Ăberlegungen der NATO und der Nationen, allerdings weniger in der praktischen Umsetzung. Von daher besteht hier dringender Handlungsbedarf, das gilt auch in besonderem MaĂe fĂŒr Deutschland.
FĂŒr die technisch herausfordernde und in den Nationen sehr unterschiedlich geltenden rechtlichen Vorschriften fĂŒr Verlegung von Truppen und Material quer durch Europa, bedarf es eines autorisierten Koordinators. Diese Rolle ĂŒbernimmt fĂŒr die NATO das durch Deutschland aufgebaute und der NATO unterstellte JSEC, das inzwischen ein internationales HQ darstellt und multinational besetzt ist.
Durch den Angriff Russlands auf die Ukraine wurde es nötig, Russland schnell und deutlich ârote Linienâ aufzuzeigen. Dazu dienten insbesondere die VerstĂ€rkungen der bereits vor Ort befindlichen multinationalen NATO-KrĂ€fte in den baltischen Staaten und in Polen sowie die Zuverlegung zusĂ€tzlicher neuer KrĂ€fte an der gesamten Ostflanke der NATO in Europa. Die Kommunikation der NATO war strategisch auf den SecGen (NATO Secretary General, Jens Stoltenberg) ausgerichtet, um die Geschlossenheit der NATO zu demonstrieren, auch bezogen auf eine mögliche Aggression Russlands gegenĂŒber einem NATO-Mitgliedsstaat. Das gelang höchst ĂŒberzeugend.
Leider galt dies fĂŒr die Kommunikation der Nationen nicht so stringent, auch Deutschland war da ein weniger gutes Beispiel bezĂŒglich der Diskussion um die UnterstĂŒtzungsleistungen fĂŒr die Ukraine.
Die Welt hat sich in den letzten Jahren deutlich verĂ€ndert, die NATO-Mitglieder stellten unterschiedliche Risiken in den Mittelpunkt. So blickten die SĂŒdeuropĂ€er eher nach Afrika, die OsteuropĂ€er von jeher in Richtung Russland und die USA haben China und den Nahen Osten im Blick. Dazu kommen inlĂ€ndische Herausforderungen wie Terrorismus und der Schutz der kritischen Infrastruktur gegen Cyberâ, aber auch physische Angriffe. Die Bundeswehr musste von daher auch im Inland neue unterstĂŒtzende Aufgaben, die hoheitlicher Natur sind, beĂŒben. So hat die Bundeswehr den Einsatz im Inneren nach Landespolizeirecht und unter FĂŒhrung der Polizei seit 2016 in einer Vielzahl von Ăbungen mit den LĂ€ndern erprobt.
In seinem Fazit, bezogen auf die Folgerungen fĂŒr die Bundeswehr, sagte General a.D. Knappe, dass die dauerhafte Realisierung der 2%-Zusage, auch nach dem Verbrauch des Sondervermögens und nach der nĂ€chsten Bundestagswahl, eine Herausforderung sein wird. Wo sollen diese ca. 20 Mrd jĂ€hrlich herkommen?
Derzeit strebt die Bundeswehr zwar ein dezidiert geplantes FĂ€higkeitsprofil an, dass die gegenĂŒber der NATO eingemeldeten FĂ€higkeiten beinhaltet, welches aber nur realisierbar ist, wenn die Finanzierung sichergestellt ist, d.h. die dauerhafte Umsetzung des 2% Zieles. Vor der Zeitenwende waren gerade einmal 1,3% erreicht worden. Von daher dĂŒrfen deutliche Zweifel daran erlaubt sein, wie man ohne ein Sondervermögen zukĂŒnftig auf 2% kommen will.
Die Aussage, dass die Bundeswehr âblankâ sei, mag zwar richtig gewesen sein, jedoch mit Blick auf die Nachwuchsgewinnung zeigte sie auch, dass die Bundeswehr in ihrer materiellen Ausstattung vielleicht nicht der attraktivste Arbeitgeber ist. Die aktuell wohl gröĂte Herausforderung dĂŒrfte es sein, wie man angesichts des aktuellen FachkrĂ€ftemangels die Bewerberzahlen so steigern will, um das angestrebte SOLL von 203.000 Soldaten und Soldatinnen zu erreichen. Dies besonders, da in der letzten Zeit schon die Bestandssicherung zur Herausforderung wurde und der Ist-Bestand gerade einmal bei knapp 181.000 Soldaten und Soldatinnen liegt.
Zwar ĂŒben derzeit viele Reservisten und Reservistinnen in der Bundeswehr, vor allem jedoch um den Fehl an aktiven Soldaten und Soldatinnen im Ist-Bestand auszugleichen. Das hat mit den eigentlichen Strukturen fĂŒr die Reserve aber noch nichts zu tun, um die Kampfkraft der Bundeswehr zu stĂ€rken. Ob es gelingt, hier Reservisten zu gewinnen, die auch kontinuierlich und dauerhaft Ăbungen ableisten, ist zweifelhaft, insbesondere solange hier das Freiwilligkeitsprinzip gilt.
In der Vergangenheit gab es schon viele Bestrebungen die Reserve zu stĂ€rken, dies alles mit einem sehr ĂŒberschaubaren Ergebnis. Wenn Deutschland wirklich wehrhaft werden sollte, so könnte man hier ansetzen, General a.D. Knappe glaubt aber nicht, dass entsprechende GesetzesĂ€nderungen politisch durchsetzbar sind.
Der Aufbau des Territorialen FĂŒhrungskommandos als das nationale FĂŒhrungselement war ein erster wichtiger Schritt. Knappe glaubt aber auch, dass weitere Anpassungen nötig sein werden.
Die Bundeswehr braucht eine Verschlankung der FĂŒhrungselemente und klare FĂŒhrungshierarchien, vor allem, um sich auch an die NATO-HQ Ebenen schon im Grundbetrieb anzubinden. Die Bundeswehr ist seit ihrem Bestehen in die NATO integriert und wird als nunmehr geografischer Mittelstaat der NATO auch bei der Landes- und BĂŒndnisverteidigung nur in diesem NATO-Kontext denken mĂŒssen.
DarĂŒber hinaus sollte auch geklĂ€rt werden, ob es im Ministerium eines militĂ€rstrategischen FĂŒhrungsinstrumentes fĂŒr den Generalinspekteur bedarf, auch um fĂŒr die NATO ebenengerecht militĂ€rstrategisch ansprechbar zu sein oder ob diese Kompetenzen unterhalb des Ministeriums als FĂŒhrungsaufgabe verortet werden.
Dies sind Themen, deren Lösungen abhĂ€ngig davon sein werden, welche Anpassungen man aktuell durch die politische Leitung vornehmen will. Klar ist aber auch, dass diese strukturellen Anpassungen ĂŒberfĂ€llig sind und nicht erst seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine.
âDies sind herausfordernde Aufgaben fĂŒr Bundeswehr, aber vor allem fĂŒr die politischen EntscheidungstrĂ€ger.â
Die Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr haben in den EinsĂ€tzen gezeigt, dass sie kriegstĂŒchtig sind, aber aus einer Struktur und unter Rahmenbedingungen, die auf den Grundbetrieb und den Einsatz von Kontingenten ausgerichtet ist und nicht auf die BĂŒndnis- und Landesverteidigung im Kontext der NATO. Dabei ist der Aspekt der Wehrhaftigkeit unserer Gesellschaft noch gar nicht in die Betrachtung einbezogen, so General a.D. Knappe.






