»Der Westen unter Druck â neue Herausforderungen fĂŒr die NATO«
Die diesjĂ€hrige NATO Talk Konferenz unter dem Motto âDer Westen unter Druck â Neue Herausforderungen fĂŒr die NATOâ fand am 06. November im Hotel Adlon statt. Ăber die Jahre hat sich der NATO Talk zu einem hoch anerkannten Forum fĂŒr AuĂen- und Sicherheitspolitik entwickelt. Wir freuen uns, dass wir dieses Jahr das George C. Marshall European Center For Security Studies als Partner fĂŒr diese Konferenz gewinnen konnten!
Gegliedert in vier Themenblöcke nÀherten sich unsere Expert:innen aus Politik, Wissenschaft und MilitÀr den dringenden Sicherheitsfragen unserer krisengebeutelten Zeit und lieferten Analysen, wie der Westen mit den gleichzeitig stattfindenden Krisen und Kriegen vom Mittleren Osten bis in die Ukraine umgehen kann.
Eröffnung durch Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius



âWas 1990 undenkbar war, ist heute RealitĂ€tâ: In seiner Ansprache skizzierte der Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius eine sich wandelnde geopolitische Landschaft. Er zeichnete das Bild einer von Interessenskonflikten und zunehmender Eskalation geprĂ€gten Welt, in der sich Krisen aneinanderreihen. Dies stehe im starken Kontrast zu der StabilitĂ€t der 90er Jahre und der Annahme, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sich immer weiter verbreiten wĂŒrden. Antiwestliche Narrative verbreiteten sich, GroĂmĂ€chte wie China und Russland aber auch regionale Akteure wie die Hamas stellten den Status Quo in Frage.
Die NATO habe sich ĂŒber 75 Jahre als Garant der deutschen Sicherheit bewĂ€hrt. Deutschlands Verantwortung als gröĂtes NATO Mitglied in Europa sei es nun, die heutige Ostflanke zu schĂŒtzen und im BĂŒndnis die Rolle eines aktiven Gestalters einzunehmen. FĂŒhrungsverantwortung zu ĂŒbernehmen sei Teil der Zeitenwende. Der 2014 angestoĂene Transformationsprozess der NATO setze sich heute mit der Aufnahme von Schweden und Finnland in das BĂŒndnis, sowie der deutschen Brigade in Litauen fort.
Doch auch die Machtverschiebungen auĂerhalb Europas, besonders im Indopazifik, hĂ€tten eine immense politische Bedeutung fĂŒr die Allianz. Auch dort engagiere sich Deutschland sichtbar und setze sich fĂŒr Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte ein.
In den letzten Monaten und Jahren sei Deutschland sicherheitspolitisch erwachsener geworden und sehe groĂen Herausforderungen mutiger und entschlossener entgegen. Das reiche jedoch noch nicht â vielmehr sein ein tiefgreifender MentalitĂ€tswechsel in Sicherheitsfragen notwendig: âWir mĂŒssen uns an den Gedanken gewöhnen, so schwer es uns fĂ€llt, und so unschön es ist [âŠ], dass die reale Gefahr eines Krieges wieder drohen kann.â
Besonders gefreut hat uns das Lob des Ministers fĂŒr die Arbeit der Deutschen Atlantischen Gesellschaft:
»Ich bin sehr dankbar dafĂŒr, dass die Deutsche Atlantische Gesellschaft immer wieder so viel kluge Köpfe zusammenbringt, um sicherheitspolitische Fragen zu diskutieren. Wir brauchen solche Foren, jetzt mehr denn je indem wir sachlich und fachlich fundiert in den Austausch kommen, Positionen erklĂ€ren, Ideen entwickeln: Das ist das, worauf es ankommt.«
Boris Pistorius
Panel 1: Russlands Krieg und Putins Ziele â Bedrohung fĂŒr ganz Europa



Das erste Panel »Russlands Krieg und Putins Ziele â Bedrohung fĂŒr ganz Europa« unter Moderation von Theresa C. Winter beschĂ€ftigte sich eingehend mit der aktuellen geopolitischen Lage hinsichtlich des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine.
In seinem strategischen Impuls erlĂ€uterte Dr. Graeme Herd, Professor fĂŒr Transnationale Sicherheitsstudien, mögliche Zukunftsszenarien fĂŒr den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. MilitĂ€rische Erfolge Russlands seien schwer vorherzusagen, da sie stark von verschiedenen Faktoren wie innenpolitischer StabilitĂ€t und UnterstĂŒtzung von Partnern wie Belarus und China abhingen. Im Falle einer militĂ€rischen Niederlage Russlands mĂŒsste die Ukraine weitere Angriffe Russlands abschrecken. Das könnte die Ukraine kaum allein stemmen und somit wĂ€re sie auf die Hilfe des Westens angewiesen, am besten durch Mitgliedschaften in der NATO und EU. DafĂŒr sei ein MentalitĂ€tswechsel notwendig, der die Wichtigkeit der NATO im Kampf gegen imperiale MĂ€chte anerkenne.
Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev betonte die Dringlichkeit militĂ€rischer UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine, da sie stellvertretend fĂŒr den Westen gegen ein imperiales, autokratisches Russland kĂ€mpfe. In diesem Krieg vertrete das ukrainische MilitĂ€r Interessen des Westens und sei daher auf Waffenlieferungen westlicher Staaten angewiesen.
Serap GĂŒler MdB (CDU), Mitglied des Verteidigungsausschusses, kritisierte die Zögerlichkeit in den immer wieder aufkommenden Debatten um Waffenlieferungen in Deutschland. Klarheit und Einheit seien essentiell, um die UnterstĂŒtzung der Ukraine nicht zu gefĂ€hrden und die GlaubwĂŒrdigkeit der Politik zu wahren.
Prof. Dr. Gwendolyn Sasse fĂŒhrte an, der Westen habe sich zwar abgewöhnt, ĂŒber Imperialismus nachzudenken, doch seien imperialistische Ideen und Einstellungen tief in der russischen Gesellschaft und im politischen System verankert und ein integraler Bestandteil der Machtstruktur. Es scheine so, als wĂŒrde die Mehrheit der russischen Gesellschaft den Krieg in der Ukraine befĂŒrworten oder zumindest dulden. Dass die Zivilgesellschaft einen grundlegenden Wandel erzwinge sei daher unwahrscheinlich. Eine VerĂ€nderung des politischen Systems mĂŒsse daher von den russischen Eliten heraus geschehen, so Prof. Dr. Sasse.
Zuletzt gingen die Expertinnen und Experten des Panels auf den anstehenden Wahlkampf in den USA und eine mögliche Wiederwahl Trumps ein. Eine zweite PrĂ€sidentschaft Trumps wĂŒrde das transatlantische BĂŒndnis sowie die UnterstĂŒtzung der Ukraine gefĂ€hrden. In einem solchen Fall mĂŒsste Europa sich neu aufstellen, um weiterhin UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine gewĂ€hrleisten zu können.
Panel 2: Der Terrorangriff der Hamas gegen Israel und die Folgen



Das zweite Panel wurde von Werner Sonne moderiert und behandelte den Terrorangriff der Hamas auf Israel mit seinen weitreichenden Folgen.
Die Diskussion begann mit einer eindringlichen Schilderung des Terrorangriffs am 7. Oktober, genau einen Tag nach dem 50. Jahrestag des Jom-Kippur-Krieges. Major d. R. Arye Sharuz Shalicar, Sprecher der Israel Defence Forces, schilderte die Lage im Gazastreifen, wo die Hamas die Zivilbevölkerung bewusst als Schutzschilder einsetze. Er betonte, dass das israelische MilitĂ€r mit PrĂ€zision vorgehe, um Zivilpersonen vor militĂ€rischen Handlungen zu schĂŒtzen.
Der Journalist Richard C. Schneider argumentierte, dass die Hamas sich nicht an geltendes Kriegsrecht halten werde, um sich operative Vorteile zu verschaffen. Der Staat Israel stehe daher vor einem groĂen Dilemma, weil auch ein Waffenstillstand letztlich der Hamas in die HĂ€nde spielen wĂŒrde.
FĂŒr Gitta Connemann MdB (CDU), stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe im Bundestag, ist dieser Krieg auch Symptom einer globalen Zeitenwende. Vielerorts habe man Israel in der Vergangenheit in Bezug auf einen möglichen Angriff aus der Nachbarschaft oder dem Iran Paranoia unterstellt. Nun hĂ€tten sich diese Sorgen jedoch bewahrheitet. Zudem zeige dieser Krieg eine neue sicherheitspolitische Achse auf, die neben dem Iran auch Russland umfasse. Das wurde zuletzt durch den Besuch von Hamas-Vertretern in Moskau illustriert.
Dr. habil Markus Kaim, Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, erlĂ€uterte die Machtdynamiken im Nahen Osten. Zwar sei der Begriff der MultipolaritĂ€t momentan populĂ€r, doch eigentlich nicht auf diese Region anwendbar. Die USA wĂŒrden in Nahost die Diplomatie beherrschen und seien bereit, sich politisch, finanziell und militĂ€risch einzusetzen, wie die diplomatische Arbeit des AuĂenministers Antony Blinken eindrucksvoll unterstreiche. China und Russland hingegen seien im Nahen Osten weniger involviert und eher als Störenfriede zu verstehen, die durch politische und finanzielle UnterstĂŒtzung Einfluss nĂ€hmen.
AbschlieĂend wurden mögliche Zukunftsszenarien diskutiert. Selbst eine Zerstörung der Hamas wĂŒrde die Problematiken rund um den Iran, die Hisbollah und den Jihadismus nicht verschwinden lassen und die Lösung der Probleme nur in die Zukunft verschieben. Israel sehe sich jedoch nicht in der Verantwortung, die politische Zukunft des Gazastreifens zu gestalten. Strittig blieb allerdings, wie ein dort entstehendes Machtvakuum mit Blick auf eine politische Lösung gefĂŒllt werden könne. Mit der aktuellen israelischen Regierung sei eine Zweistaatenlösung schwer vorstellbar, zumal die politische FĂŒhrung der PalĂ€stinenser um Mahmud Abbas geschwĂ€cht sei.
Panel 3: Die NATO in der Zeitenwende



Das dritte Panel »Die NATO in der Zeitenwendeâ setzte sich mit den zukĂŒnftigen Herausforderungen und Perspektiven der Allianz auseinander und wurde von Dr. Jana Puglierin moderiert. Der StĂ€ndige Vertreter Deutschlands im Nordatlantikrat, Botschafter Dr. GĂ©za von Geyr, sprach in seiner strategischen Einordnung ĂŒber die aktuellen Herausforderungen, mit denen die NATO in verschiedenen Regionen konfrontiert sei. Dabei ging er nicht nur auf die Ukraine und den Nahen Osten ein, sondern erwĂ€hnte auch den Indopazifik, die Ostsee und den Balkan. Das BĂŒndnis sollte sich angesichts der globalen Sicherheitslage neu aufstellen und kontinuierlich anpassen. Dabei mĂŒsse sich die NATO in VerlĂ€sslichkeit ĂŒben, und Abschreckung und Verteidigung wieder in das absolute Zentrum der Allianz rĂŒcken.
Weitgehende Einigkeit bestand zwischen den Expertinnen und Experten des Panels darin, dass die Verpflichtung, 2% des BIP fĂŒr Verteidigungszwecke auszugeben, ein SchlĂŒsselelement fĂŒr die StĂ€rkung der kollektiven VerteidigungsfĂ€higkeit darstelle. Ebenso wurde die Bereitschaft aller Mitgliedstaaten, im Bedarfsfall gemeinsam zu handeln als unerlĂ€sslich fĂŒr die GlaubwĂŒrdigkeit der Allianz hervorgehoben. Der stellvertretende Generalinspekteur der Bundeswehr, Generalleutnant Markus Laubenthal, kritisierte, dass Deutschland in finanziellen Fragen hinterherhinke. Die 2% seien langfristig im deutschen Verteidigungshaushalt nicht abgebildet und basierten momentan auf dem Sondervermögen. Deutschland mĂŒsse aber Planungssicherheit garantieren, um die VerlĂ€sslichkeit des BĂŒndnisses nicht zu schwĂ€chen.
Deutschland habe ĂŒberdies viel aufzuholen, um zukunftsfĂ€hig und kriegstauglich zu werden: âEs wird nur noch im Jetzt gedacht [âŠ]â, sagte Dr. Florence Gaub, Direktorin der Forschungsabteilung am NATO Defense College. KriegstĂŒchtigkeit wĂŒrde bedeuten, einsatzfĂ€hige und voll ausgestattete StreitkrĂ€fte zu entwickeln. Dazu gehöre sowohl eine verlĂ€ssliche Industrie, als auch Resilienz, in wirtschaftlicher und kognitiver Hinsicht. KriegstĂŒchtig zu sein sei Bestandteil einer wehrhaften Demokratie, laut Dr. Claudia Major, Forschungsgruppenleiterin fĂŒr Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik: âEine Demokratie, die sich nicht von innen aushöhlen lĂ€sst, sondern nach innen und nach auĂen verteidigungsfĂ€hig ist.â
AbschlieĂend wurde verdeutlicht, dass die NATO eine zentrale Rolle in der europĂ€ischen Sicherheitsarchitektur spiele und weiterhin eine wichtige StĂŒtze fĂŒr die Sicherheit und StabilitĂ€t Europas darstelle. Dabei sei die Zusammenarbeit von EU und NATO von Bedeutung, um die europĂ€ische VerteidigungsfĂ€higkeit zu stĂ€rken und eine effektive, zukunftsorientierte Verteidigungspolitik zu ermöglichen. Die Notwendigkeit, sich den neuen Herausforderungen anzupassen und die eigenen SicherheitsansprĂŒche zu erfĂŒllen, wurde als entscheidender Schritt fĂŒr die Zukunft der Allianz hervorgehoben.
Panel 4: Globale RivalitĂ€t der GroĂmĂ€chte â Folgen fĂŒr Europa



Dr. Katrin Bastian moderierte das vierte Panel »Globale RivalitĂ€t der GroĂmĂ€chte â Folgen fĂŒr Europa«, das die sich verĂ€ndernde Weltordnung, in der neue MĂ€chte wie China, Russland und der Iran zunehmend an Bedeutung gewinnen und eine strategische Neuausrichtung Europas und der westlichen Welt erfordern, behandelte.
In seiner strategischen Einordnung ging Oberst i. G. Dr. Frank Hagemann auf einen erneuten strategischen Wettbewerb der Systeme ein, der die internationale Sicherheitspolitik in den kommenden Jahren stark prĂ€gen wĂŒrde. Die heutige Situation sei mit einem wirtschaftlich erstarkten globalen SĂŒden, antiwestlichen Narrativen und einem Spektrum an verschiedenen Interessen und Weltvorstellungen vielschichtiger geworden.
Obwohl sie eine antiwestliche Achse bilden, verfolgten Russland und China auch unterschiedliche Interessen, laut Oberst i. G. Hagemann. So hĂ€tte sich China zwar der antiwestlichen Rhetorik Russlands angeschlossen, sei aber trotzdem mit der UnterstĂŒtzung Russlands im Krieg gegen die Ukraine vorsichtig. Um westliche Sanktionen zu vermeiden, bleibe Beijing in bestimmten Fragen zu der Ukraine und dem Nahen Osten bewusst vage, erlĂ€uterte Helena Legarda, Lead Analyst beim Mercator Institute for China Studies.
Davon abgesehen sehe sich der Westen mit mehreren Bedrohungslagen konfrontiert und die USA seien auf die UnterstĂŒtzung Europas angewiesen, welches laut Oberst i. G. Hagemann mehr Verantwortung ĂŒbernehmen mĂŒsse. Dem stimmte Dr. Fritz Felgentreu, ehemaliger SPD-Abgeordneter im Bundestag, zu: ein starkes und geeintes Europa könne die USA in sicherheitspolitischen Fragen entlasten. Die eigentliche Zeitenwende bestehe darin, dass Deutschland sich angesichts dieser verĂ€nderten Dynamiken neu austarieren und seine Rolle definieren mĂŒsse, so Felgentreu. Ein MentalitĂ€tswechsel in der Gesellschaft mĂŒsse folgen, damit Deutschland sich um seine eigene Sicherheit sorgen könne. Gunnar Wiegand, ehemaliger Abteilungsleiter im EuropĂ€ischen AuswĂ€rtigen Dienst, wiederum betonte die Anpassung der EU-Beziehungen zu globalen Akteuren wie China, um Europas wirtschaftliche und sicherheitspolitische Position zu stĂ€rken. Dies beinhalte die ĂberprĂŒfung und mögliche Reduzierung von AbhĂ€ngigkeiten, wobei ein ganzheitlicher Ansatz wichtig sei, der militĂ€rische, sowie wirtschaftlich-politische AnsĂ€tze umfasst.































