Voraussichtlich gröĂte Wirtschaftsmacht im Jahr 2030 und weltweit vernetzt durch die SeidenstraĂeninitiative, zunehmende Macht in internationalen Organisationen, verstĂ€rktes militĂ€risches und sicherheitspolitisches Engagement: China wird die internationalen Beziehungen in den nĂ€chsten Jahren maĂgeblich prĂ€gen. Die USA haben ihre Antwort auf diese Entwicklung bereits vor einigen Jahren definiert: Mit dem âPivot to Asiaâ wurde der asiatische Raum klar zur höchsten auĂenpolitischen PrioritĂ€t erklĂ€rt, und auch die Biden-Administration stellt den âgesundenâ bzw. âhartenâ Wettbewerb (âhealthy competitionâ bzw. âstiff competitionâ) mit China ins Zentrum ihrer Politik. Dies spiegelt sich in einer regelrechten Besessenheit mit dem Narrativ des Wettbewerbs mit China. Sei es die milliardenschwere Infrastructure and Investment Bill zur Förderung von Innovation und Investitionen in den USA, die Entwicklungszusammenarbeit oder die Frage der MilitĂ€rinvestitionen, nahezu jede MaĂnahme wird als Mittel beschrieben, âChina entgegenzuwirkenâ (âto counter Chinaâ). Im Gegensatz dazu treibt die EU bisher in einem strategischen Vakuum: Zwar beschreibt der EU-China Strategic Outlook China als âVerhandlungspartnerâ, âwirtschaftlichen Wettbewerberâ und âsystemischen Rivalenâ, aber eine Ăbersetzung dieses Ansatzes in klare strategische PrioritĂ€ten und konkrete MaĂnahmen fehlt bisher.
Nicht selten fordern gerade Transatlantiker*innen in Europa daher, Europa solle sich in seinem Ansatz stĂ€rker an den USA orientieren und deren Strategie folgen, indem die EU zum Juniorpartner US-amerikanischer Chinapolitik wird. Allerdings ist dies problematisch: Die Position der EU mag in einigen Bereichen, etwa bei Forderungen nach der Einhaltung der Menschenrechte oder mehr Anstrengungen beim Klimaschutz, mit den USA ĂŒbereinstimmen, aber bei Fragen von Handel und Sicherheit liegen die USA und die EU teilweise weit auseinander, und auch ihre Vorgehensweise unterscheidet sich deutlich. Bis heute haben die USA einige der unter der Trump-Regierung verhĂ€ngten Handelssanktionen gegenĂŒber China nicht abgebaut. Der Ton der Regierung mag sich geĂ€ndert haben, die Substanz der Chinapolitik hingegen kaum, und beispielsweise durch extraterritoriale Sanktionen bekommt Europa dies direkt zu spĂŒren. Wie sehr die USA gerade im sĂŒdchinesischen Meer auf Machtpolitik setzen, hat zuletzt der Abschluss der AUKUS-Sicherheitspartnerschaft vor Augen gefĂŒhrt. Der Pakt stellt die französische Sicherheitsstrategie im IndoPazifik, die Partnerschaften mit Australien und Indien als zentrale Pfeiler und Frankreich als âMacht des Gleichgewichtsâ (âpuissance dâĂ©quilibreâ) beschreibt, in Frage â zum Vorteil der USA, die durch die Partnerschaft mit Australien praktisch einen NuklearstĂŒtzpunkt gewonnen haben. Gleichzeitig wurden die europĂ€ischen Partner schlicht ĂŒbergangen â scheinbar mit der impliziten Annahme, dass diese dem US-Wettbewerb mit China stillschweigend zustimmen. Die Kombination aus militĂ€rischer AbhĂ€ngigkeit von US-KapazitĂ€ten und dem Fehlen klar artikulierter eigener strategischer PrioritĂ€ten lassen den EuropĂ€ern zum aktuellen Zeitpunkt wenig Spielraum: Da die USA eine militĂ€rische Konfrontation mit China in den nĂ€chsten Jahren als zunehmend wahrscheinlich ansehen, bedeutet das aktuelle China-strategische Vakuum in Europa, dass die europĂ€ischen Partner den USA entweder folgen mĂŒssten â oder die nĂ€chste transatlantische Krise riskieren wĂŒrden.
Aus diesem Grund ist es dringend notwendig, dass die EU ihren dreigliedrigen Ansatz gegenĂŒber China als Verhandlungspartner, Wettbewerber und System-Rivale zu einer tatsĂ€chlichen Strategie gegenĂŒber China ausbuchstabiert und konkrete MaĂnahmen fĂŒr alle Politikfelder vorlegt. AuĂerdem muss die EU definieren, wie sie im Falle einer Eskalation zwischen Peking und Washington reagiert â beispielsweise, ob sich die EU potentiellen US-Handelssanktionen als Reaktion auf Menschenrechtsverletzungen anschlieĂt oder ob Territorialverteidigung von Taiwan ein strategisches Interesse der EU ist. In jedem Fall muss die EU aber ihre Position gegenĂŒber China auf dem internationalen Parkett deutlicher artikulieren. Gerade die neue Bundesregierung muss zur Situation in Xinjiang, Hong Kong oder Taiwan klare Worte finden und darf sich nicht weiterhin an Floskeln klammern, dass man mit China auch ĂŒber Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gesprochen habe. WĂ€hrend die USA in nahezu allen Bereichen auf Wettbewerb setzen, sollte sich Europa jedoch die Möglichkeit der Zusammenarbeit nicht verbauen, da gerade in Bereichen globaler Herausforderungen kein Weg an Peking vorbeifĂŒhrt. Der französische Ansatz einer puissance dâĂ©quilibre könnte eine Blaupause fĂŒr eine europĂ€ische Strategie sein, der den unterschiedlichen Interessen der Mitgliedstaaten Rechnung trĂ€gt: Dadurch könnte die EU eigene Interessen wie beispielsweise Freiheit von Handelsrouten vertreten und gleichzeitig Anstrengungen unternehmen, den Wettbewerb zwischen den USA und China durch vermittelndes Handeln und das Ausbalancieren der Interessen zu entschĂ€rfen.






