Es ist Krieg in Europa. Niemand kann, niemand darf sich daran gewöhnen. Der verachtenswerte und völkerrechtswidrige Angriff Russlands auf die Ukraine ist eine ZĂ€sur mit Folgen. Er ist ein Weckruf. Uns EuropĂ€ern bringt er ins Bewusstsein, dass es mehr braucht als politische Floskeln, um nicht Nationalisten auf den Leim zu gehen. Der wertebasierte Kern Europas von Frieden, Sicherheit und Wohlstand ist vor Angriffen zu schĂŒtzen. Er erinnert uns daran: Frieden ist nicht selbstverstĂ€ndlich â er muss verteidigt werden und kostet Ressourcen, und zwar nicht nur Geld. Der Krieg mahnt uns, in unsere eigenen Sicherheitsinteressen zu investieren. Die Zeit, in der wir uns allein auf die Vereinigten Staaten verlassen konnten, ist vorbei. Die USA unter US-PrĂ€sident Josef Biden stehen zwar fest an der Seite der EuropĂ€er, der Gedanke von âAmerica firstâ ist deshalb aber nicht ad acta gelegt â und das sollte nicht bloĂ negativ aufgefasst werden. Er hilft uns, endlich zu handeln.
Bei diesem Krieg geht es um Machterhalt. Es geht darum, dass Russland nicht in die geopolitische Zweitklassigkeit abrutscht. Moskau versucht, die Welt in neue EinflusssphĂ€ren einzuteilen. Es geht auch darum, unsere Art zu leben und unsere Ăberzeugung von Demokratie als der besten staatlichen Organisation von Gesellschaft, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, zunichte zu machen. Peking, der zweite Systemrivale auf dem Spielfeld um globalen FĂŒhrungsanspruch, steht Putin aus eigenen Interessen dabei zur Seite. Abwartend noch, aber dennoch klar positioniert. Chinas Strategie ist jedoch weitaus breiter gefasst. Die Taiwan-Frage ist nur ein Puzzleteil von vielen in der âGrand Strategyâ unter Xi Jingping. Die Welt des freien Handels, der globalen Energiesicherheit und der AbrĂŒstung wurde binnen weniger Wochen beendet, und es gibt keinen Weg, zur RealitĂ€t vor dem 24. Februar zurĂŒckzukehren.
Der Denkspruch des griechischen Philosophen Heraklit bestĂ€tigt sich zum wiederholten Mal: âDer Krieg ist der Vater aller Dinge.â Er zwingt uns zu handeln und unsere eigenen Strategien den RealitĂ€ten anzupassen. Und es ist eben nicht der Frieden, wie Willy Brandt den Spruch Heraklits umformulierte. Denn die Ausweglosigkeit und Hilflosigkeit zwingen zu einem mutigen Umdenken und stoĂen beschleunigend lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llige Denkprozesse an.
Blicken wir ein Jahr zurĂŒck: Eine Zeitenwende-Rede war undenkbar. Nun mĂŒssen wir Taten folgen lassen. Bei unseren europĂ€ischen Nachbarn wird diese Diskussion bereits ergebnisorientiert gefĂŒhrt. Denn als Ergebnis einer solchen Diskussion kann der richtige Beitritt Finnlands und Schwedens in die NATO gewertet werden, der die europĂ€ische Sicherheitsstruktur erheblich verĂ€ndert. Ăberhaupt â âZeitenwendeâ. Ein viel zu groĂer Begriff, der â ausgesprochen vom deutschen Bundeskanzler â mit viel Selbstzufriedenheit daherkommt. Dabei handelt es sich doch um nicht mehr als Deutschlands hartes Aufschlagen auf dem Betonboden der RealitĂ€t der internationalen Politik. Demut tĂ€te also Not. Mich beschĂ€mt es zutiefst, dass es eines Krieges mitten in Europa bedurfte mit vielen tausenden von Toten, dass Deutschland ĂŒberhaupt wachgerĂŒttelt wurde. Das verbinde ich mit dem Begriff âZeitenwendeâ.
Die Staaten an der östlichen AuĂenflanke Europas und auch die Staaten des westlichen Balkans spielen eine zentrale Rolle in der Neuausrichtung unserer Sicherheitsinteressen. Denn in dieser Region agieren Drittstaaten, die seit Jahren versuchen, ihre geopolitischen Interessen durchzusetzen. In einem kĂŒrzlich veröffentlichten Papier der NATO heiĂt es: âDer Westbalkan ist eine Region, in der Russland schon lange mit Provokationen aktiv istâ. Das Bedrohungslevel sei insgesamt niedrig, der Frieden jedoch âzerbrechlichâ. Und weiter: âRusslands zunehmende Einmischung droht zu weiteren Spaltungen zu fĂŒhren.â
Da auch China groĂes Interesse an der Region habe, unterstĂŒtze das Land die russische Propaganda und biete sich als Partner im Bereich der Sicherheitspolitik an. Das ist nicht neu, denn in Serbien ist China neben Russland Ansprechpartner in RĂŒstungsfragen. Dass Serbien seit 2006 am NATO-Programm âPartnership for Peaceâ teilnimmt zeigt nur, wie sich die RealitĂ€ten auf dem Balkan verschoben haben, denn eine Vollmitgliedschaft strebt Serbien in der Zwischenzeit nicht mehr ernsthaft an. Und so verdeutlicht die Lieferung von chinesischen Flugabwehrraketen an Serbien mitten im Ukraine-Krieg nur einmal mehr die geopolitische Interessenslage auf dem Westbalkan, und damit mitten in Europa.
Der russische Angriffskrieg zeigt die Verletzlichkeit von Europas Grenzen auf. Die Bilder vom Krieg gegen die Ukraine lösen in der breiten Bevölkerung in Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien Ăngste aus. Es wird aufgerĂŒstet aus Angst, dass Konflikte eskalieren könnten, dass Grenzen wieder blutig verteidigt werden mĂŒssen und nicht â wie es die europĂ€ische Idee vermittelt â durch Integration durchlĂ€ssig werden können. Antiwestliche Propaganda verschĂ€rft die Unsicherheit der Gesellschaften des Westbalkans. Die EU und auch die NATO drohen ihren Einfluss zu verlieren, weil die Menschen nach jahrelangem Hinhalten des Westens und vor allem durch die immer wiederkehrenden diplomatischen Phrasen der Hinhaltetaktik der EuropĂ€er nicht mehr daran glauben, Teil einer Friedensarchitektur mit der Perspektive fĂŒr Wohlstand werden zu können. Die Stimmung ist mehr als mau. Es herrscht eine verwirrende Kakophonie europĂ€ischer Stimmen, was den Erweiterungsprozess anbelangt (Emmanuel Macron, Olaf Scholz, Josep Borrell, OlivĂ©r VĂĄrhelyi und andere kommen stĂ€ndig mit neuen Einlassungen daher). Nichts erscheint koordiniert. Es ist kaum noch auszumachen, welchen Weg die EU hier eigentlich noch verfolgt. Gibt es ĂŒberhaupt ein einheitliches europĂ€isches Erweiterungskonzept?
Putin hat mit seinem Ăberfall die globale Ordnung erschĂŒttert. Die EuropĂ€ische Union wurde quasi ĂŒber Nacht gezwungen, sich nun endlich zu einem geopolitischen Akteur zu entwickeln, womit sich die Idee von Europa grundsĂ€tzlich verĂ€ndert hat. Das muss unweigerlich auch Konsequenzen fĂŒr die EU- Erweiterungspolitik haben: Weg von einer bloĂen Konvergenzerweiterung, hin zu einer geopolitischen Einbindung. Es braucht jetzt eine ĂŒberzeugende Idee fĂŒr die Erweiterung und eine pro-aktive Initiative, die die klare Botschaft hat: âIhr gehört zu unsâ. Eine sehr leicht umsetzbare âSofortpilleâ mit groĂer Wirkkraft in die gesamte Region hinein ist die lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llige Umsetzung der Visa-Liberalisierung fĂŒr das Kosovo. Ein Gipfel ohne handfeste Ergebnisse reicht nicht.
Es braucht nun ein selbstbewusstes geopolitisches Europa, das auch ohne die starke FĂŒhrungsrolle der USA Konflikte lösen kann. Die Rolle Deutschlands ist dabei nicht zu unterschĂ€tzen, denn wir sind nicht nur der viertgröĂte und der einwohnerstĂ€rkste Staat, sondern auch die gröĂte Volkswirtschaft der EU. Als gröĂter wirtschaftlicher Profiteur der EU kommt Deutschland eine besondere Verantwortung zu, um auf dem Kontinent fĂŒr StabilitĂ€t zu sorgen. Das sind wir uns selbst schuldig, denn unsere eigene Sicherheit und unser eigener Wohlstand hĂ€ngen entscheidend davon ab, ob wir fĂŒr eine Neuausrichtung unserer AuĂen- und Sicherheitspolitik bereit sind. Auf dem westlichen Balkan hat Deutschland eine SchlĂŒsselrolle in der Politik der EU inne und zentrale Impulse gegeben.
Wir mĂŒssen ein verlĂ€sslicher Partner sein, der seiner Rolle gerecht wird. Dazu braucht es aber mehr als eine Zeitenwende-Rede oder die ĂuĂerung des Bundeskanzlers, die EU-BeitrittsgesprĂ€che âdynamisierenâ zu wollen. Es sind AnkĂŒndigungen wie die des US-PrĂ€sidenten als auch des NATO-GeneralsekretĂ€rs, die MilitĂ€rprĂ€senz auf dem Westbalkan stĂ€rken zu wollen, die gegen den Einfluss von Nationalisten, insbesondere in Bosnien und Herzegowina und Serbien helfen.
Es braucht klare strategische Botschaften und den Willen, durch strategische FĂŒhrung den Krieg aus Europa wieder zu verbannen. Wichtig wĂ€re es, sich fĂŒr eine StĂ€rkung der EUFOR-Operation Althea einzusetzen und einen deutschen militĂ€rischen Beitrag in Aussicht zu stellen, um Vertrauen zu schaffen und auf die sich stetig verschlechternde Sicherheitslage in Bosnien und Herzegowina entschlossen zu reagieren.
Zu einer Neuausrichtung der AuĂen- und Sicherheitspolitik gehört neben einem Konzept vor allem Mut zur VerĂ€nderung. Denn bisher war es so, dass wir erst gehandelt haben, wenn wir vor dem Scherbenhaufen standen. Bereits vor 15 Jahren kĂŒndigte Putin auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz eine Abkehr vom Westen an. Doch niemand nahm seine Drohungen ernst. SpĂ€testens 2008 beim Georgien-Krieg hĂ€tte klar sein mĂŒssen: Russland ist bereit, militĂ€risch Grenzen zu verschieben und seine Interessen durchzusetzen. Damals fehlte die deutliche Antwort des Westens. Die wirtschaftliche Situation Russlands war damals schlechter als heute, und Wirtschaftssanktionen hĂ€tten damals die Fronten klĂ€ren können. Die auĂenpolitischen Konzepte von âWandel durch Handelâ oder âWandel durch AnnĂ€herungâ tragen nach dem 24. Februar bittere FrĂŒchte. Der Erfolg der Entspannungspolitik mit der Kombination von Anreiz und Druck, Wirtschaft und Moral, Werten und Interessen hat ausgedient. Der Diktator im Kreml sieht darin nichts als eine SchwĂ€che des Westens.
Nun gilt es in der Transformation der AuĂen- und Sicherheitspolitik der EU und vor allem Deutschlands den eingeschlagenen Weg entschieden weiterzugehen. Das geschlossene Vorgehen der EuropĂ€er und der USA gegen Putin zeigt Erfolge. Vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine und des Machtanspruchs der Systemrivalen auf die FĂŒhrungsrolle in der Welt zeigt das: Wirtschaft- und Geopolitik dĂŒrfen in einer neuen Ordnung nicht getrennt betrachtet werden und sind ein wichtiger Faktor bei der Gestaltung internationaler Beziehungen. Deutschland verfĂŒgt ĂŒber wirtschaftliche StĂ€rke in einem betrĂ€chtlichen MaĂe, stellt sie aber bisher kaum in einen strategischen Kontext.
Wie man es umsetzen könnte, machen uns die USA vor. Der Zusammenhang von AuĂenwirtschaft und Sicherheit, also die Entwicklung einer geoökonomischen Strategie, wird hier regelmĂ€Ăig in gemeinsamen Sitzungen des National Security Council und des National Economic Council im WeiĂen Haus debattiert. (Freihandels-)Abkommen zur EindĂ€mmung von chinesischem Einfluss sind unter anderem das Resultat. Ich schlage erneut die Einrichtung eines deutschen Nationalen Sicherheitsrats vor und rege gleichzeitig an, sich der Idee eines EuropĂ€ischen Sicherheitsrats konkret zu widmen.
Politik fĂŒr den Augenblick reicht nicht mehr. Dass man das verstanden hat, sollte die EU mit einer konkreten Perspektive fĂŒr die Staaten des Westbalkan zeigen â Deutschland sollte aus eigenem Interesse diese geostrategische Erweiterung gezielt vorantreiben. Es braucht ein neues, glaubhaftes Momentum, damit einem weiteren Krieg um Grenzen mitten in Europa ein fĂŒr alle Mal ein Riegel vorgeschoben wird.






