Als in Irpin, einem Vorort von Kiew, der Sturm auf die Hauptstadt der Ukraine verhindert wurde, gelang dies den ukrainischen Soldaten und Freiwilligen gegen eine 12-fach ĂŒberlegene russische Armee. Befehlshaber in Irpin war der BĂŒrgermeister, der zuvor wie viele andere BĂŒrgermeister in der Ukraine eine militĂ€rische Ausbildung erhalten hatte. Auch die ukrainische Bevölkerung zeigt eine in Deutschland nicht bekannte Resilienz. Seit 2014 befindet sich die Ukraine im Krieg, die Bevölkerung ist vorbereitet, es gibt eine groĂe Bereitschaft und Entschlossenheit der StaatsbĂŒrgerinnen und StaatsbĂŒrger, das eigene Land militĂ€risch oder zivil zu verteidigen, sowie einen beeindruckenden Willen, direkt zum Wiederaufbau ĂŒberzugehen. Die ukrainische Bevölkerung hat sich als sehr resilient erwiesen und strategisch vorausschauend auch im Staat Strukturen geschaffen, die diese Resilienz befördern. Dazu kommt ein PrĂ€sident, der das Land geeint hat, Entschlossenheit und FĂŒhrungsstĂ€rke bewies. Wie sich Resilienz zeigt, hĂ€ngt also auch vom Staat und der StaatsfĂŒhrung ab.
Gesamtstaatliche Resilienz betrachtet nicht nur die WiderstandsfĂ€higkeit und LeidensfĂ€higkeit der Bevölkerung â die Frage wie geht man mit Extremsituationen, Krieg oder Pandemien um â sondern auch die Seite des Staates. Wie geht der Staat, also Exekutive und Verwaltung damit um? Welche Strukturen gibt es und wie wirken diese im Extremfall? Resilienz ist deshalb auch ein Prozess, in dem Personen auf Probleme und VerĂ€nderungen mit Anpassung ihres Verhaltens reagieren. Dieser Prozess umfasst: Auslöser, die Resilienz erfordern, Ressourcen, die Resilienz begĂŒnstigen und Lerneffekte; also was lernt der Staat als Gebilde aus Situationen und wie passt er sich strategisch vorausschauend an?
Deshalb ist es fĂŒr die Resilienzsteigerung wichtig, Lehren und SchlĂŒsse aus Erfahrungen zu ziehen. Wir leben in einer Gleichzeitigkeit von Krisen, die zum Teil Kettenreaktionen auslösen: Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg in der Ukraine, die Sicherheitsbedrohung durch Russland in Europa, das Auslösen einer globalen ErnĂ€hrungskrise, Lehren aus dem ĂŒbereilten Afghanistan-Abzug, der Klimawandel, Migrationsbewegungen, die Pandemie und die InstabilitĂ€t und AbhĂ€ngigkeit von Lieferketten. FĂŒr Deutschland muss die Lehre sein: wir brauchen eine umfassende sicherheitspolitische Wende, eine neue sicherheitspolitische Kultur!
Sicherheit kann nicht eindimensional gedacht werden, sondern muss ganzheitlich betrachtet werden. Einerseits benötigen wie also eine modern ausgestattete und voll einsatzbereite Bundeswehr, die Deutschland verteidigt und unsere BĂŒndnisverpflichtungen erfĂŒllt. Gleichzeitig muss ein moderner Zivilschutz und wirksamer Bevölkerungsschutz wirken. Eine professionelle zivile Verteidigung ist in Deutschland nicht vorhanden, auch da sind wir blank. Unser Katastrophenschutz ist gut, beruht aber vorrangig auf ehrenamtlichen Strukturen, die angesichts des demographischen und des Gesellschaftswandels auf limitierte personelle Ressourcen treffen. Neue Herausforderungen wie Cyberangriffe auf Kritische Infrastrukturen, klimabedingte Krisen, DĂŒrren oder Pandemien erfordern zudem neue FĂ€higkeiten im Bereich der zivilen Verteidigung.
Zu einem modernen Zivilschutz gehört der beschleunigte Auf- und Ausbau strategischer Reserven z.B. fĂŒr Notstrom, Trinkwasser, medizinisches Material und SchutzrĂ€ume. SchutzrĂ€ume oder Bunker gibt es in Deutschland aktuell kaum mehr. Zur Steigerung gesamtstaatlicher Resilienz muss die Zivile Verteidigung mit einem Investitionsprogramm inklusive PersonalzuwĂ€chse gestĂ€rkt werden, ĂŒber 10 Mrd. Euro in den kommenden 10 Jahren, wie es u. a. das Bundesamt fĂŒr Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) fordert.
Aber nicht nur Infrastruktur, auch der Aufbau einer vernetzt einsetzbaren professionalisierten zivilen wie militĂ€rischen Reserve zur UnterstĂŒtzung der Gesellschaft besonders in Krisenlagen sind geboten. Diese aufzubauen dauert Jahre. Deshalb ist ein kluger Aufbauplan mit konkreten Umsetzungsschritten sinnvoll. Wie diese Reserve entstehen könnte wird derzeit auch im Rahmen der Diskussion eines Pflichtdienstes oder eines ausgeweiteten Freiwilligendienstes diskutiert.
Mein Lösungsansatz hierfĂŒr ist die Schaffung von GesellschaftsunterstĂŒtzungskrĂ€ften (GUK). Dazu mĂŒssen keine völlig neuen Strukturen geschaffen, sondern bereits vorhandene Strukturen gestĂ€rkt und weiterentwickelt bzw. modernisiert werden. Bereits vorhandene zivile und militĂ€rische âReservestrukturenâ sollten genutzt werden, um dadurch nicht nur das gesellschaftliche Leben resilienter zu machen und das nötige Personal fĂŒr Krisensituationen bereit zu halten, sondern zudem durch Wertevermittlung insgesamt zum Zusammenhalt der Gesellschaft beizutragen. Dies sollte auch das Narrativ prĂ€gen. Die GUK sollten hierbei fĂŒr kĂŒnftige Krisen im Rahmen des Bevölkerungsschutzes eingesetzt werden. Hier sind auch neue Krisenformen berĂŒcksichtigt, wie Pandemien oder MaĂnahmen zur EindĂ€mmung des Klimawandels. GUK wĂŒrden aus THW, Blaulichtorganisationen und der Territorialen Reserve bestehen, die ohnehin bereits vorhanden sind. Allerdings könnte eine Anpassung des Art. 35 GG und der Folgegesetzgebung erforderlich werden, also die Modernisierung des Staates. Auf Bundesebene könnte das BBK als Leitorganisation eingerichtet werden, um GUK im zivilen Bereich, das THW als Körperschaft öffentlichen Rechts und die Blaulichtorganisationen im Pandemie-/Katastrophenfall zu fĂŒhren und bundesweit zu koordinieren.
FĂŒr die Schaffung einer militĂ€rischen Reserve gilt es, die Reserve zu professionalisieren und eine Körperschaft öffentlichen Rechts vergleichbar mit dem THW aufzubauen, die an das Kommando Territoriale Aufgaben auf Bundesebene und an die Landeskommandos auf Landesebene angegliedert wird. Diese KrĂ€fte könnten aus dem hauptamtlichen Personal des Reservistenverbandes in diese Körperschaft ö.R. und aus dem Ehrenamt ins Hauptamt ĂŒberfĂŒhrt werden. Die GUK selber wĂ€ren neben o.g. zivilen KrĂ€ften zusĂ€tzlich aus der Territorialreserve, der Truppenreserve und geeigneten bisherigen ehrenamtlichen Reservisten gebildet. Somit ergibt sich eine resilientere Struktur ĂŒber mehrere Stufen, die kaskadenartig je nach Katastrophen- oder Pandemielagen wirksam werden könnte. Personal fĂŒr die zivile/militĂ€rische Reserve könnte dabei einerseits ĂŒber einen zu definierenden freiwilligen oder Pflichtdienst gewonnen werden. Synergieeffekte brĂ€chte es jedoch, weiterhin auf das Prinzip Freiwilligkeit zu setzen. Ăber gezielte Anreize fĂŒr Freiwillige (credit points, Rentenpunkte, finanzielle Anreize, gesellschaftliche Anerkennung etc.) sollte freiwilliges Engagement im Blaulicht, Pflegebereich oder bei der Bundeswehr, wie auch im Bereich der GUK gefördert werden. Durch Einbeziehung aller gesellschaftlichen Schichten, von Migranten, Asylbewerbern bis zum BildungsbĂŒrgertum wĂ€re dies zugleich eine MaĂnahme im Sinne der Integration, Deradikalisierung und Weiterqualifizierung sowie der gegenseitigen Anerkennung und WertschĂ€tzung innerhalb der Gesellschaft. Damit wĂ€re die Schaffung einer zivilen und militĂ€rischen Reserve ein maĂgeblicher Beitrag zur Steigerung der Resilienz in Deutschland.
Sechs weitere MaĂnahmen zur Steigerung der Resilienz und fĂŒr die KrisenprĂ€vention mĂŒssen betrachtet werden, die die Ressourcen und Lerneffekte wie anfangs erwĂ€hnt berĂŒcksichtigen.
Zu einer strategischen Kultur und einer resilienten Gesellschaft gehört eine gestĂ€rkte Eigenvorsorge der BĂŒrgerinnen und BĂŒrger. Kinder und Jugendliche könnten schon von klein an in Krisenvorsorge geschult und KatastrophenĂŒbungen sollten regelmĂ€Ăig durchgefĂŒhrt werden, um so ein frĂŒhes Bewusstsein fĂŒr eine resiliente Reaktion in Krisensituationen zu schaffen. Die Modernisierung des Staates mit seiner Verwaltung, DigitalisierungsmaĂnahmen und die angepasste Ausstattung von Sicherheitsbehörden gehören dazu. Die Sichtbarkeit und Wahrnehmbarkeit unseres Sicherheitspersonals genauso wie eine strategische Kommunikation gegenĂŒber der Bevölkerung mĂŒssen Bestandteil der Modernisierung sein. Die Regierung darf in Krisenzeiten keine Panik schĂŒren, sondern muss nĂŒchtern, sachlich und zuversichtlich kommunizieren, die Bevölkerung auf neue strategische Herausforderungen vorbereiten. Die Ausbildung und Bildung von BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern fĂŒr die militĂ€rische und zivile Reserve, fĂŒr die Schaffung von GUK muss an neue Erfordernisse angepasst werden. Um langfristig die erforderliche Manpower zu erreichen, bedarf es einer Einwanderungsstrategie, die den FachkrĂ€ftebedarf angesichts des demografischen Wandels nachhaltig abbildet. Sicherheit nach auĂen muss gestĂ€rkt werden, damit die Bundeswehr glaubhafte Landesverteidigung leisten und BĂŒndnisverpflichtungen einhalten kann. Deshalb ist das 100 Mrd-Sondervermögen wie auch das dauerhafte Erreichen des Zwei-Prozent-Ziels absolut notwendig. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat verdeutlicht, dass fĂŒr ein resilienteres Deutschland zudem die RohstoffabhĂ€ngigkeit reduziert und Lieferketten diversifiziert werden mĂŒssen, damit wir wirtschaftlich robuster sind und angesichts der Vernetzung in der EU glaubwĂŒrdig zu einer europĂ€ischen Resilienz beitragen.







