Wir haben in den letzten Jahren eine Reihe von Wendepunkten passiert, die alle grundlegenden VerĂ€nderungen andeuteten, doch zum Zivilisationsbruch im wahrsten Sinn des Wortes kam es erst mit Putins unbegrĂŒndetem und rechtswidrigem Angriffskrieg in der Ukraine ab dem 24. Februar dieses Jahres.
Als Wendepunkte davor nenne ich die PrĂ€sidentschaft Trumps, die hinter die transatlantische Sicherheitsarchitektur mehr als ein Fragezeichen setzte, dann kam die globale Pandemie, die das System in der globalisierten, verflochtenen Wirtschaft schwer beschĂ€digte und infrage stellte, sodann am 6. Januar 2021 die Abdankung Amerikas als Leitbild und Modell der Demokratie als ein vom abgewĂ€hlten PrĂ€sidenten aufgehetzter Mob das Kapitol stĂŒrmte, und schlieĂlich im Sommer 2021, der chaotische und schmĂ€hliche Abzug aus Afghanistan, der die GlaubwĂŒrdigkeit westlicher Sicherheitsversprechen schwer erschĂŒtterte.
Die dramatischen VerĂ€nderungen unserer Welt zeichnet sich aber bereits seit Jahren ab, vor allem durch den Aufstieg Chinas. Der wurde spĂ€testens im Herbst 2020 deutlich, als China die regionale wirtschaftliche Zusammenarbeit ins Leben rief und damit im pazifisch-asiatischen Raum 15 Staaten, darunter auch Demokratien wie Japan und Australien, unter seiner FĂŒhrung zusammenschloss. Damit hat China die Kontrolle ĂŒber 44 % des Welthandels. Die Herausforderung der Zukunft wird die BewĂ€ltigung des Konflikts zwischen den beiden globalen MĂ€chten unserer Zeit sein, den USA und China. Chinas Anspruch, bis 2050 in allen Kategorien internationaler MachtausĂŒbung die Nummer eins zu sein, ist eindeutig formuliert und wird zielstrebig mit dem Programm der neuen SeidenstraĂe, dem Technologie-Konzept China 2025 und mit der Forderung PrĂ€sident Xis, bis 2050 eine neue ĂŒberlegene Weltordnung anzubieten, umgesetzt. Wir stehen somit in einem systemischen Konflikt zwischen Autokratie und rechtsstaatlicher Demokratie. Ich nehme an, bei dem Partei-Kongress im Oktober wird dies noch einmal deutlich unterstrichen werden.
Doch all diese Ereignisse verblassten oder wurden kaum wahrgenommen, auf jeden Fall fĂŒhrten sie nicht zu der spĂ€testens seit 2014 erforderlichen Ănderung deutscher und europĂ€ischer Sicherheitspolitik. Dies geschah erst mit dem Krieg in der Ukraine, der dann Bundeskanzler Scholz am 27. Februar das Wort Zeitenwende gebrauchen lieĂ.
Ich habe bei der Gestaltung des Ăbergangs vom Kalten Krieg zu einer europĂ€ischen Sicherheitsordnung ein wenig mitwirken können. Ich gehöre zu denen, die nach der groĂen Anstrengung des Kalten Krieges aufrichtig hofften, man könne ein Europa gestalten, in dem Krieg, gewaltsame VerĂ€nderung von Grenzen und erneutes WettrĂŒsten durch VertrĂ€ge und Vereinbarungen gebannt werden kann. Diese Hoffnung ruhte auf der Schlussakte von Helsinki und fĂŒhrte zu Vereinbarungen wie der Charta von Paris 1990, der Vereinbarung von Budapest 1994, in der die Ukraine ihre Atomwaffen gegen die Garantie, auch durch Russland, ihrer territorialen IntegritĂ€t aufgab und auf der NATO Russland Akte, an deren Aushandlung ich 1997 als Vorsitzender des NATO-MilitĂ€rausschusses aktiv beteiligt war.
Die Hoffnung, eine Zone von Sicherheit und Frieden von Vancouver bis Wladiwostok zu erreichen, war keine Fiktion, auch die Entspannungspolitik auf der Grundlage des Harmel-Ansatzes der NATO von Sicherheit und Dialog war kein Fehler. Sie hat ganz Europa das Ende des Kalten Krieges, den Deutschen die staatliche Einheit, an deren Zustandekommen PrĂ€sident Bush weit gröĂeren Anteil hatte als PrĂ€sident Gorbatschow, und der Welt den Zerfall des von einer aggressiven Sowjetunion gefĂŒhrten Warschauer Paktes gebracht. Die Entspannungspolitik war eine Erfolgsgeschichte, aber sie war eben auch ein Prozess des Wandels, in dem RĂŒckschlĂ€ge niemals ausgeschlossen werden konnten. Deshalb habe ich als Generalinspekteur wie als Vorsitzender des MilitĂ€rausschusses stets die Linie vertreten, dass wir Sicherheit vor Russland erreichen mĂŒssen, was nicht bedeutet Sicherheit gegen Russland. Aber nur Sicherheit vor Russland auf der Grundlage gesicherter VerteidigungsfĂ€higkeit bot die Möglichkeit, StabilitĂ€t mit Russland zu erreichen. Sicherheit durfte man deshalb nicht vernachlĂ€ssigen und das aber hat man im Westen bis 1999 trotz groĂzĂŒgiger Friedensdividende auch nicht getan. Nach 1999 aber haben es alle mit der Friedensdividende ĂŒbertrieben, auch die USA, deren Aufwand fĂŒr Verteidigung von 4,9 % des Bruttosozialprodukts auf 3,1 % im Jahr 2000 sank. Deutschland allerdings hat nicht nur ĂŒbertrieben, sondern in hohem MaĂe leichtfertig gehandelt. Die Bundeswehr wurde bis zur Trendwende 2016 in einer strĂ€flichen Weise abgebaut, von weit ĂŒber 4000 modernen Kampfpanzern blieben gerade einmal etwas mehr als 400 ĂŒbrig, aus dem 1995 politisch gebilligten Dreiklang der Aufgaben, KĂ€mpfen, SchĂŒtzen, Retten, wurde aus politischen GrĂŒnden ohne Not KĂ€mpfen gestrichen und dementsprechend wurden FĂ€higkeiten der Bundeswehr abgebaut.
Als die Bundeswehr in Afghanistan kĂ€mpfen musste, dies wieder lernte und sich im Kampf bewĂ€hrte, erkannte man die MĂ€ngel und leitete mit der Trendwende den Wiederaufbau ein, politisch aber eher halbherzig und deshalb ohne Nachdruck. ZusĂ€tzlich, und vor allem, hat sich Deutschland in unglaublicher Weise in strategische AbhĂ€ngigkeiten von Russland und China begeben, besonders in Fragen der Energiesicherheit. Dabei hat man nach dem ĂŒbereilten Ausstieg aus der Kernenergie sogar noch verstĂ€rkt auf russisches Gas gesetzt, selbst nach der Annexion der Krim 2014 und dann gegen die Warnungen fast aller VerbĂŒndeten. Ein Anteil von 55% Gas aus russischen Quellen ist der Beleg jeglichen Fehlens strategischen Denkens. In der weitaus vielschichtigeren AbhĂ€ngigkeit von China ist dies sogar noch deutlicher. Wirtschaftliches Wachstum und Wohlergehen der WahlbĂŒrger hatten Vorrang. Am schlimmsten jedoch war das Einlullen der Bevölkerung mit der völlig wirklichkeitsfremden Hoffnung, dass man alle Krisen und Konflikte friedlich und durch Verhandlungen lösen könne. Das deutsche Markenzeichen in internationalen Gremien wurde der unbegrĂŒndbare Leitsatz: Es gibt keine militĂ€rische Lösung. ZusĂ€tzlich glaubte man in der Beurteilung autokratischer Staaten an das Prinzip Wandel durch Handel, verschloss die Augen vor deren erkennbaren strategischen Zielen und vernachlĂ€ssigte den konfrontativen Dialog. Deutschland wurde so zum unsicheren Kantonisten in NATO und EU und der einst groĂe Einfluss in der NATO wurde verspielt.
Zu diesem RĂŒckblick gehört auch die Feststellung, dass Putin uns nie im Dunkeln lieĂ, welche strategische Ziele er hat: Es war immer die Trennung des Europas der EU von den transatlantischen VerbĂŒndeten USA und Kanada und damit die Spaltung der NATO. Selbst in seiner von den Deutschen Abgeordneten umjubelten Rede im Deutschen Bundestag 2001 sprach er von einer gemeinsamen Zone von Lissabon bis Wladiwostok, also einer Zone ohne die USA und Kanada, obwohl die Verpflichtung Russlands in der Charta von Paris die Errichtung einer solchen Zone von Vancouver bis Wladiwostok war. Damals wollte er schmeichelnd mit einer eurasischen Partnerschaft Deutschland locken, auf friedlichen Weg, statt mit den USA, eine strategische Partnerschaft mit Russland einzugehen. Als er enttĂ€uscht sah, dass keine Aussicht darauf bestand, schaltete er 2007 in seiner MĂŒnchner Wutrede auf Drohung, besetzte nach dem fragwĂŒrdigen Versprechen der NATO, dass Georgien und die Ukraine eines fernen Tages NATO-Mitglied werden könnten, 2008 Teile Georgiens, dann 2014 die Krim und fĂŒhrte zusĂ€tzlich seit 2014 Krieg im Donbass. Mit seinem Vertragsentwurf vom Dezember 2021, den man wohl besser als Ultimatum bezeichnen muss, kĂŒndigte er im Grunde genommen an, dass sein strategisches Ziel die RĂŒckkehr zu einer Zweiteilung Europas nach dem Muster von Jalta 1945 ist.
Der erste Schritt dazu ist nun der am 24. Februar 2022 begonnene, völkerrechtswidrige und unbegrĂŒndete Angriffskrieg gegen die Ukraine. Seit diesem Tag stehen Deutschland, Europa, ja die ganze Welt vor dem Scherbenhaufen aller bisherigen Sicherheitspolitik in und fĂŒr Europa, alle VertrĂ€ge sind Makulatur, auch die NATO Russland Akte. Ein ZurĂŒck zum Status Quo ante wird und darf es nicht geben. Dennoch bleibt Russland Teil der eurasischen Landmasse und damit im weitesten Sinn auch ein Nachbar, mit dem in erster Linie die EuropĂ€er eine Zukunft suchen mĂŒssen, sollte Putin jemals dazu bereit sein, wieder Mitglied einer Gemeinschaft von dem Recht verpflichteten Völkern zu sein.
Zur BegrĂŒndung des Angriffs auf die Ukraine nannte Putin am 24. Februar drei GrĂŒnde: Erstens, die Bedrohung Russlands durch die NATO, zweitens, die GefĂ€hrdung russischer Sicherheit durch die entgegen westlichen Versprechungen erfolgten NATO-Erweiterungen und drittens, die Notwendigkeit ein faschistisches RĂ©gime in Kiew beseitigen zu mĂŒssen. Keiner dieser GrĂŒnde hĂ€lt einer PrĂŒfung stand, die angeblichen Versprechungen sind eine LĂŒge, das wurde in den vergangenen drei Monaten mehr als einmal belegt.
Die am 9. Mai nachgeschobene Behauptung, Russland habe prĂ€ventiv handeln mĂŒssen, um einen Angriff der NATO zu verhindern, kann man nur als die Mutter aller LĂŒgen bezeichnen. In der NATO mĂŒssen Entscheidungen einstimmig getroffen werden und, in Deutschland beispielsweise, ist Angriffskrieg durch die Verfassung verboten.
Der russische Staat hat mit seinem Vorgehen am 24.2.2022 die Welt nachhaltig und fĂŒr lange Zeit verĂ€ndert. Der Angriff ist ein nicht provozierter und durch nichts begrĂŒndeter VerstoĂ gegen alle Grundlagen internationalen Rechts. Er ist zurecht von der Generalversammlung der Vereinten Nationen mit groĂer Mehrheit verurteilt worden, nur fĂŒnf Staaten stimmten dagegen, doch diese Mehrheit, das sei angemerkt, vertritt nur 43 % der Weltbevölkerung.
Die europĂ€ische Sicherheitsarchitektur beruhte auf zwei SĂ€ulen: Der SĂ€ule der Vereinbarung, dass Grenzen niemals mit Gewalt verĂ€ndert werden dĂŒrfen und der SĂ€ule, dass durch Verflechtung von Handel und Industrie nach dem Prinzip Wandel durch Handel Krieg ausgeschlossen werden wĂŒrde. Ăberwölbt und damit belastbar wurde diese Konstruktion durch die amerikanische nukleare Schutzgarantie fĂŒr das abhĂ€ngige, weil im Grunde genommen wehrlose Europa.
Nun stehen wir vor dem TrĂŒmmerhaufen dieses GebĂ€udes. FĂŒr Deutschland besonders dramatisch, denn es hat seine Bundeswehr erheblich abgebaut, hĂ€lt seit Jahren die Zusage, 2 % fĂŒr Verteidigung auszugeben, nicht ein und ist somit in Sicherheitsfragen abhĂ€ngiger denn je zuvor.
Ich habe schon Anfang MÀrz öffentlich gesagt, dass Putin sich verzockt hat. Damals wusste ich noch nicht, dass er am 1. November durch einen von PrÀsident Biden nach Moskau entsandten Vertreter persönlich gewarnt worden war, aber diese Warnungen in den Wind schlug, ebenso wie der ukrainische PrÀsident, der noch im Januar nicht an einen Angriff glaubte.
FĂŒr Putins FehleinschĂ€tzung nenne ich drei GrĂŒnde: Erstens, er hat mit dem schnellen Sturz der Regierung in Kiew gerechnet, zweitens, hat er mit einem schnellen Sieg seiner Truppen gerechnet und drittens, hat er wohl angenommen, dass der Westen, wie ĂŒblich, uneinig und zerfahren reagieren wĂŒrde.
Nichts davon wurde wahr und zusĂ€tzlich ist nach der doch recht fehlerhaften OperationsfĂŒhrung der russischen Truppen deren Abschreckungswert erheblich gesunken. Es besteht zudem der Verdacht auf zahlreiche Kriegsverbrechen und die Moral der russischen Truppen scheint schlecht zu sein. Der beste Beleg fĂŒr diese EinschĂ€tzung ist die Tatsache, dass Russland vor dem 24. Februar 7 % des ukrainischen Territoriums kontrollierte, heute sind es rund 20 % nach mehr als 150 Tagen Krieg und erheblichen Verlusten. Dennoch, den derzeitigen brutalen Abnutzungskrieg im Donbass könnte Russland dank seiner numerischen Ăberlegenheit taktisch durchaus gewinnen. Deshalb setzt Putin auf Zeit. Er will die Einheit von EU und NATO sprengen. Stimmen im Westen, die die Ukraine drĂ€ngen, um jeden Preis zu verhandeln, begreifen nicht, dass sie Putin helfen und die Werte des Westens verraten. Westlicher Defaitismus hilft nicht Europa, nur Putin. Das Gerede muss ein Ende finden, ĂŒber Verhandlungen entscheidet vor allem das Opfer, die Ukraine.
Russland hat aber drei âErfolgeâ erzielt, die Putin bestimmt nicht wollte: Erstens, NATO und EU sind geeint wie selten zuvor in den letzten 20 Jahren, zweitens, die ukrainische Nation ist gefestigter in ihrer Ablehnung russischer Herrschaft als je zuvor und, drittens, Staaten wie Schweden und Finnland haben den Antrag auf NATO-Mitgliedschaft gestellt und DĂ€nemark will nun auch in Verteidigungsfragen Vollmitglied der EU sein. Die NATO wie die EU werden somit durch Putin stĂ€rker als je zuvor und Europa sicherer, vorausgesetzt sie bleiben so einig wie zurzeit. Wie der Ausgang des Krieges insgesamt sein wird, das ist gegenwĂ€rtig aber noch völlig offen. Der bisherige Verlauf des Krieges zeigt einmal mehr das fĂŒr Putin typische Vorgehen voller hemmungsloser BrutalitĂ€t und völliger Missachtung des Kriegsvölkerrechts. Das ist nichts Neues, denn Putins blutige Spur zieht sich von Grosny ĂŒber Aleppo nun hin bis in die Ukraine, Neu ist allerdings, dass Putin diesmal nicht, wie bisher ĂŒblich, risikoscheu, sondern mit hohem Risiko gehandelt hat. Erkennbar scheinen die Kriegsziele Russlands zu sein: Taktisch dĂŒrfte das Mindestziel die Inbesitznahme des gesamten Donbass sowie eine Landverbindung zwischen dem Donbass und der Krim zu sein und dazu, sofern noch möglich, die EinschlieĂung groĂer Teile der ukrainischen StreitkrĂ€fte. Die bewusste Zerstörung des Donbass, also das Schaffen einer unbewohnbaren Pufferzone, könnte ein weiteres Ziel sein.
Operatives Ziel könnte es sein, danach die gesamte SchwarzmeerkĂŒste einschlieĂlich Odessas zu besetzen, um damit eine Rumpf-Ukraine vom Meer abzuschneiden und die gesamte ukrainische SchwarzmeerkĂŒste zu besetzen. Dazu dĂŒrfte Russland gegenwĂ€rtig zu schwach sein. Es könnte deshalb sein, dass Putin noch in diesem Jahr durch Verhandlungen Zeit zu gewinnen sucht, um dann mit frischen KrĂ€ften weiter nach Westen vorzustoĂen.
Strategisches Ziel Russlands wird es sein, die derzeitige Einheit des Westens durch KriegsmĂŒdigkeit zu brechen. Die Drohung mit Atom-Waffen-Einsatz oder auch der Versuch, den Westen fĂŒr den Hunger in der Welt verantwortlich zu machen, dĂŒrften Putins Instrumente dafĂŒr sein.
Gelingt es der Ukraine, Russland das Erreichen zumindest dieser operativen Ziele zu verwehren, dann dĂŒrfte der Ausgang eher einer Niederlage Russlands gleichen, wird aber dennoch von der russischen Propaganda als Sieg und Erfolg dargestellt werden.
Putins Angriffskrieg strategisch zum Fehlschlag zu machen, das liegt in unserer Hand und das verlangt in erster Linie Geschlossenheit in NATO und EU. Die ist entscheidend, Warnungen vor einer DemĂŒtigung Russlands sind dagegen nicht nur strategisch dumm, sondern auch ebenso unangebracht wie ĂŒberflĂŒssig. Worauf es nun ankĂ€me, wĂ€re das Gewinnen der Initiative durch den Westen. Da der Westen die mögliche, aber nicht risikofreie militĂ€rische Karte nicht ziehen will, ist das die zentrale Herausforderung fĂŒr westliche Diplomatie.
Ich bin mir allerdings nicht so sicher wie viele der selbst ernannten Experten, ob die Ukraine tatsĂ€chlich am Ende militĂ€risch zumindest auf der operativen Ebene siegen wird. Vergessen wir nicht, dass die schiere Masse des russischen Potenzials und die AbhĂ€ngigkeit der Ukraine von westlichen Lieferungen am Ende doch âErfolgâ erzwingen könnte, wenngleich der in Wirklichkeit mehr einer völligen Zerstörung des Ostens der Ukraine und der VerkrĂŒppelung einer zumindest vorĂŒbergehenden Rumpf-Ukraine gleichen dĂŒrfte. Die Fieberfantasien gleichende Landkarte, die Putins Hofnarr Medwedew veröffentlicht hat, könnte durchaus Zielsetzung sein. Der Preis fĂŒr diesen russischen âErfolgâ ist allerdings hoch. Die Verluste Russlands an Menschen und Material sind betrĂ€chtlich, vermutlich ist die Zahl der gefallenen Russen jetzt schon höher als die Zahl gefallener Amerikaner in 20 Jahren Vietnamkrieg, vor allem aber dĂŒrften mittel- bis langfristig die wirtschaftlichen Folgen fĂŒr Russland verheerend sein: Das BIP ist schon jetzt um etwa 8,5 % gesunken und wird weiter sinken, mehr als 8700 westliche Firmen haben Russland verlassen und finanzielle Folgen dĂŒrften spĂ€testens im Herbst sichtbar werden. Russland wird somit nicht mehr einer der Pole einer multipolaren Welt sein, sondern lediglich ein nuklear bewaffneter Spielball in Chinas HĂ€nden. Es wird somit fĂŒr China nicht Partner auf Augenhöhe sein, sondern zum abhĂ€ngigen AnhĂ€ngsel werden. Putin wird durch seinen Fehlgriff gegen die Ukraine Russland auf Dauer nicht stĂ€rken, sondern schwĂ€cher machen. Die Antike verband solche Erfolge mit dem Namen Pyrrhus.
Sicher ist allerdings schon heute, dass die russischen KrĂ€fte auf keinen Fall ausreichen, die Ukraine als Ganzes zu erobern oder gar zu kontrollieren, sicher ist aber auch, dass PrĂ€sident Selenskji Gebietsabtretungen in gröĂerem Umfang nicht hinnehmen und politisch auch nicht verantworten kann. Aber auch der Westen ist in dieser Frage gebunden: Jede Anerkenntnis eines einzigen mit Gewalt eroberten Quadratmeters wĂ€re das EingestĂ€ndnis, dass Grenzen mit Gewalt verĂ€ndert werden können. Das Tor zu einer Welt, in der nur die Gesetze des Dschungels gelten, wĂ€re dann weit offen.
Sollte es in absehbarer Zeit zu einer Waffenruhe kommen, dann werden langwierige und schwierige Verhandlungen ĂŒber eine kĂŒnftige Ukraine folgen. Ich schlieĂe allerdings nicht aus, dass Putin die Verhandlungen nur als Zeitgewinn betrachten könnte, um neue KrĂ€fte zu sammeln. Die jĂŒngste russische Zielsetzung eines Regimewechsels in Kiew spricht dafĂŒr. Bleibt Putin an der Macht, so wird er nicht von seinem Mindestziel ablassen, zumindest eine Pufferzone vor Russland zu errichten, nach Möglichkeit aber weit mehr: Ein Imperium wie Peter der GroĂe oder in seiner Sprache, eine russische Welt.
Der Westen tut deshalb gut daran, sich auf einen lĂ€ngeren Konflikt von noch unbestimmter Dauer einzustellen. Es ist allerdings derzeit kaum wahrscheinlich, dass dieser Krieg ĂŒber die Grenzen der Ukraine hinaus ausgeweitet wird. Auch der in Deutschland so oft erwĂ€hnte Einsatz von russischen Atomwaffen ist nicht als wahrscheinlich einzuschĂ€tzen, eignet sich allerdings vorzĂŒglich als Instrument einer Propaganda, die Angst erzeugen und damit die Einheit des Westens zu sprengen sucht.
Es könnte allerdings auch sein, dass Putins Ziel noch viel weiter gesteckt ist. Er sprach mehrfach davon, er mĂŒsse den dekadenten Westen vor dessen AuswĂŒchsen wie gleichgeschlechtliche Ehe und anderes mehr schĂŒtzen. Nicht wenige Russen sehen den Westen tatsĂ€chlich als dekadent und zutiefst verdorben. Hat Putin dieses missionarische Ziel dann ist die Lage fĂŒr uns noch viel ernster: Will Putin den systemischen Konflikt, dann mĂŒssen wir uns auf Krieg einstellen, unsere VerteidigungsfĂ€higkeit rasch wiederherstellen, um im Verbund der NATO abschrecken zu können und notfalls auch zu kĂ€mpfen. Wir könnten so vermutlich Krieg in und um Europa doch verhindern. Sind wir allerdings zu einer derartigen Anstrengung nicht bereit, dann ist die Alternative die Unterwerfung, welche die so genannten âEmma Intellektuellenâ der Ukraine vorgeschlagen haben.
Wir kennen Putins Ziele nicht, doch gerade deshalb kĂ€mpft die Ukraine in meinen Augen auch fĂŒr Europas kĂŒnftige Sicherheit. Das sollten die bedenken, die, wie der sĂ€chsische MinisterprĂ€sident in seinem BemĂŒhen die WohlfĂŒhlgesellschaft zu erhalten, den geplatzten TrĂ€umen einer Partnerschaft mit Russland nachhĂ€ngen oder die, welche ĂŒber Waffenlieferungen und den notwendigen Wiederaufbau der Bundeswehr diskutieren und dabei Gefahr laufen, Deutschland erneut zum unsicheren Kantonisten das Westens zu machen.
Erfolg in unserem BemĂŒhen, der Ukraine beizustehen, sie als eigenstĂ€ndigen Staat nach einer Waffenruhe wieder aufzubauen und zugleich unsere freie Lebensordnung nachhaltig zu schĂŒtzen werden wir nur haben, wenn es uns gelingt, jetzt in der Krise die Einheit des Westens zu wahren und dann gemeinsam mit den USA eine dauerhafte, neue Sicherheitsarchitektur in und fĂŒr Europa zu gestalten.
Wir sehen die Risse in der Einheit des Westens, ich nenne nur die Namen Erdogan und Orban, und wir dĂŒrfen auch nicht vergessen, dass die Ziele der USA in Teilen langfristig auch andere sind als die Europas. Jetzt geht es den USA darum, Russland so weit wie möglich zu schwĂ€chen, damit Europa in der Zukunft mit einem schwachen Russland allein fertig werden kann, sollte es fĂŒr die USA zu einem alle Kraft verlangenden Konflikt mit China im fernen Osten kommen. Das gemeinsame, ĂŒbergeordnete Ziel bleibt aber der Erhalt unserer freiheitlichen Lebensordnung. Das ist der Kern des begonnenen systemischen, globalen Konflikt und der dĂŒrfte auch erhalten bleiben, unabhĂ€ngig vom Wahlausgang in den USA 2024.
Es ist also eine Zeitenwende. Es geht nicht nur um den Wiederaufbau der arg vernachlĂ€ssigten deutschen Bundeswehr, es geht um das SchlieĂen zahlreiche LĂŒcken in den StreitkrĂ€ften Europas und um die Neugestaltung einer europĂ€ischen Sicherheitsordnung. In ihr muss Europa zur Wahrung seiner eigenen, durchaus globalen Interessen auch eigenstĂ€ndig handeln können, aber zugleich fest an der Seite seiner Partner in Nord Amerika stehen und bereit sein, gegebenenfalls auch mit ihnen gemeinsam zu handeln. Dazu mĂŒssen Frankreich und Deutschland gemeinsam die Initiative ergreifen. Zugleich mĂŒssen die EuropĂ€er den Verbund mit den Vereinigten Staaten von Amerika durch das Prinzip geteilter Risiken und Lasten erhalten und festigen. Das hat nichts mit transatlantischem Illusionismus zu tun, das ist nur Einsicht in die Notwendigkeiten und in die AbhĂ€ngigkeiten, die heute und bis auf weiteres bestimmend bleiben. Das gilt vor allem fĂŒr die SchlĂŒsselfrage der nuklearen Garantie fĂŒr Deutschland: Global wirksamen Schutz können bis auf weiteres nur die USA bieten und niemand sollte Illusionen haben, dass ein französischer StaatsprĂ€sident die alleinige VerfĂŒgungsgewalt ĂŒber französische Atomwaffen jemals zu teilen bereit sein könnte. Bei aller Sorge wegen der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft und den UnwĂ€gbarkeiten des Wahljahres 2024 muss man einfach zur Kenntnis nehmen, ohne die USA gibt es keine Sicherheit fĂŒr Europa. Das sollte man gerade jetzt in manchen latent anti-amerikanischen europĂ€ischen Gesellschaften nicht vergessen, wenn man ehrlich die Frage beantwortet: Wo stĂŒnden die Ukraine und Europa jetzt ohne die amerikanische Hilfe fĂŒr die Ukraine seit der Annexion der Krim 2014?
Andererseits mĂŒssen wir EuropĂ€er unseren amerikanischen Freunden mit Gelassenheit auch immer wieder sagen, dass sie ihre globale Weltmachtposition nur mit Europa an ihrer Seite bewahren können. Das ist nicht nur eine Folge der gegenseitigen Investitionen in Trillionen Höhe, sondern vor allem ein Gebot der unverĂ€nderbaren Geostrategie: Die USA als globale Seemacht brauchen Europa als ihre GegenkĂŒste.
Zeitenwende fĂŒr die NATO und die EuropĂ€ische Union
Europa, und vor allem Deutschland, mĂŒssen nun endlich aufwachen und mehr fĂŒr ihre eigene Sicherheit tun. Das ist der inhaltliche Kern der Zeitenwende, von der der Kanzler sprach. EigenstĂ€ndig handlungsfĂ€hig zu werden, ist nicht mit 100 Milliarden fĂŒr die Bundeswehr erledigt, es geht um weit mehr: Es geht um wirtschaftliche Ănderung zu groĂer AbhĂ€ngigkeit und es geht um Wandel in der Gesellschaft: Die Vollkasko-Gesellschaft, die jedes Risiko zu vermeiden sucht, ist nicht zukunftsfĂ€hig. Es gilt nun selbst Verantwortung fĂŒr unsere Freiheit zu ĂŒbernehmen.
Doch nicht nur die Deutschen mĂŒssen begreifen, dass es eine globale Zeitenwende ist, die in Europa nun als Krieg Ausdruck findet, die aber, wie erwĂ€hnt, keineswegs erst am 24.2. begann und auch nicht in Europa.
Dieser Herausforderung mĂŒssen sich nun auch NATO und EuropĂ€ische Union stellen. Ihre Grundsatz-Dokumente, das neue Strategische Konzept und der Strategische Kompass der EU, erlauben eine erste Beurteilung, ob diese BĂŒndnisse der Zukunft gewachsen sein werden. Erster Eindruck: Noch zu wenig und zu vage, NachschĂ€rfen geboten, denn Fragen, die sich in der aktuellen Situation als Hemmnis erwiesen haben, werden nicht angesprochen. Dazu zwei Beispiele: Das Einstimmigkeitsprinzip in der EuropĂ€ischen Union ist ein Hindernis im Krisenmanagement, Mehrheitsentscheidungen erscheinen zwingend geboten. Gleiches gilt fĂŒr die NATO, die ebenfalls durch den Zwang zur Einstimmigkeit in der DurchfĂŒhrung von Operationen gehemmt werden kann, PrĂŒfung ist angesagt. Und schlieĂlich, weit darĂŒber hinaus stellen sich Fragen, ob die Vereinten Nationen als oberstes Instrument der Wahrung des Friedens ĂŒberhaupt noch handlungsfĂ€hig sind, wenn eine Vetomacht, die Recht bricht, durch ihr eigenes Veto-Recht geschĂŒtzt bleibt. PrĂŒfung ist auch hier geboten, die Generalversammlung mĂŒsste ein Recht zur Ăberwindung des Vetos eines Rechtsbrechers erhalten.
Doch es genĂŒgt nicht in der aktuellen Krise halt zu machen. Europa wie die NATO mĂŒssen sehen, dass zumindest kurzfristig weitere Krisen und Konflikte heraufziehen könnten: Da ist schon heute die InstabilitĂ€t im West Balkan, vor allem in Bosnien-Herzegowina, wo Russland als Unruhestifter auftritt, da ist das Risiko, dass es ĂŒber die Bohrungsrechte im östlichen Mittelmeer zu einem Konflikt zwischen Griechenland und der TĂŒrkei kommen könnte, da ist ferner das ungelöste Iran Problem, â ein Land, dass an der Grenze der TĂŒrkei zĂŒndelt, das weltweit Terrorismus unterstĂŒtzt und das durch die fehlerhafte KĂŒndigung des allerdings mĂ€ngelbehafteten Atomabkommens heute bereits als virtuelle Atommacht zu bezeichnen ist. Und da sind all die ebenfalls ungelösten Fragen wie man Migration aus der Tiefe Afrikas auffangen kann, in diesem Jahr vermutlich erheblich verstĂ€rkt durch die als Folge des Ukraine Krieges eingeschrĂ€nkten Weizenimporte aus Russland und der Ukraine.
SchlieĂlich, das darf nicht unerwĂ€hnt bleiben, steht im Hintergrund in Asien die ungelöste Taiwan Frage. China wird diesen Anspruch kaum jemals aufgeben. Doch China ist geduldig und ist vorsichtig. Es wird nicht wie Putin in der Ukraine durch Ungeduld strategische Fehler machen und sich selbst schwĂ€chen. Sollte sich aber mittelfristig aus der SchwĂ€che seiner Gegner eine Gelegenheit ergeben die âabtrĂŒnnige Provinzâ heimzuholen dann wird China sich diese Chance nicht entgehen lassen. Versichernd mag sein, dass China derzeit wohl kaum in der Lage ist, Taiwan einzunehmen, sofern die USA und Japan an Taiwans Seite stehen. Eindeutiger wird man das im Oktober beurteilen können, wenn der Parteikongress vermutlich neue Zielsetzungen fĂŒr Taiwan beschlieĂt. Ich nehme an, Xis Ziel ist die Lösung der Taiwan Frage bis 2027, damit rechtzeitig zum 100. Geburtstag der Volksbefreiungsarmee.
Doch selbst wenn es gelingen sollte, all diesen Fragen gerecht zu werden und die Einigkeit der EuropĂ€ischen Union und der NATO zu wahren, ist damit noch nicht genug fĂŒr die Sicherheit der Zukunft getan. Es gilt, deshalb jetzt den Blick in die allerdings noch recht verschleierte Kristallkugel nicht zu vergessen, die uns anzeigt, was die Zeit jenseits 2030 bringen könnte.
Zur Lösung aller erkennbaren Sicherheitsprobleme ist nun ein Konzept zu entwickeln, das wirklich alle Felder der Politik erfasst und definiert, welche Instrumente man zur Umsetzung braucht und vor allem ist dann dafĂŒr die Zustimmung der Bevölkerungen der europĂ€ischen LĂ€nder zu gewinnen. Das bedeutet natĂŒrlich auch, ein neues Konzept fĂŒr unsere AuĂen- wirtschaft zu entwickeln, dass lĂ€hmende AbhĂ€ngigkeiten, vor allem von China, vermeidet und neue, verbindende GeschĂ€ftsfelder entwickelt.
Was bedeutet das fĂŒr Deutschland und Europa und deren Weg zurĂŒck in die Wirklichkeit?
Mit Blick auf die aktuelle Krise ist es noch zu frĂŒh, weit ĂŒber den Tag hinaus reichende Folgerungen zu formulieren. Es ist in dieser Krise nun zwingend geboten, dass man aufhört, starr vor Angst auf die Schlange Putin und seine Atomwaffen zu starren. Je öfter wir unsere Furcht vor Atomwaffen aussprechen, desto mehr zeigen wir ihm, womit er den Ă€ngstlichsten Hasen im Stall, Deutschland, aus der Einheit des Westens herausbrechen kann, also siegen kann. Doch der Kanzler hatte Recht als er sagte: Putin darf nicht siegen. WĂŒrde er nĂ€mlich siegen, dann wĂ€re die Ukraine nur das blutige Vorspiel fĂŒr weiteren Krieg in Europa, bis Putin sein strategisches Ziel, sei es die von ihm dominierte Einflusszone vor Russland oder sei es der Systemwechsel in Europa, erreicht hat. Beides darf nicht geschehen. Deshalb ist zunĂ€chst alles zu tun, diesen Konflikt zu beenden, zugleich aber fĂŒr die Zukunft vorzusorgen. Putin kann auf Zeit spielen, weil ihm das Wohlergehen der Russen egal ist und er das wichtigste auĂenpolitische Kapital, Vertrauen, bereits verspielt hat. Der Westen aber hĂ€tte durchaus die Kraft und die Mittel durchzuhalten, wenn er seinen Menschen zeigt, dass nur im Westen Freiheit möglich ist. Der Westen muss nur den Willen haben, Risiko zu tragen, alle Mittel zu nutzen und vor allem entschlossen zusammenzustehen.
Es gilt nun endlich ernst zu machen mit der Gestaltung eines handlungsfĂ€higen Europas, das ĂŒber alle Mittel internationaler Politik verfĂŒgt und das vor allem auch den Willen hat, diese Mittel rasch und entschlossen einzusetzen, um Krisen einzudĂ€mmen und zu beenden. Es sind die zur Umsetzung europĂ€ischer EigenstĂ€ndigkeit notwendigen Instrumente zu schaffen. Das Wichtigste ist dabei der Wille, alle Instrumente der Politik entschlossen und geschlossen auch einzusetzen, notfalls sogar prĂ€ventiv, wenn es um die Abwehr von Cyberangriffen oder von Massenvernichtungswaffen geht. Doch Sicherheit ist nicht alles, es gilt auch Globalisierung so zu denken, dass lĂ€hmende AbhĂ€ngigkeit ebenso vermieden wird wie ein RĂŒckfall in nationale Autarkie und dennoch beiderseitig nutzbringende Verflechtung erhalten bleibt. Wesentlich fĂŒr ein Land wie Deutschland wird dabei die Freiheit der Seefahrt sein. Auch hier ist der Blick zu weiten, es genĂŒgt nicht mehr europĂ€ischen Randmeere zu betrachten, sondern die Weltmeere einschlieĂlich des pazifischen Raums und des vermutlich im nĂ€chsten Jahrzehnt eisfreien arktischen Ozeans sind im Auge zu behalten.
DafĂŒr anhaltende Zustimmung zu erlangen, dĂŒrfte vor allem in Deutschland schwierig sein. Deutschland scheint zwar zu erkennen, dass das Ende aller Illusionen gekommen ist, aber noch ist das Eis sehr dĂŒnn. Zudem, zu groĂen Teilen sind die europĂ€ischen Gesellschaften jahrelange Krisen, Entbehrungen und Krieg nicht gewöhnt.
Vor allem aber, es gibt keine Sonderstellung Deutschlands mehr, begrĂŒndet mit historischen Lehren. Nur Friedensmacht sein zu wollen, sich damit vor risikobehaftetem Handeln zu drĂŒcken, das hat ebenso ausgedient, wie der Irrglaube Deutschland sĂ€Ăe auf dem Hochsitz einer vermeintlich ĂŒberlegenen Moral.
Schutz erreicht nur, wer beitrĂ€gt, wer Verantwortung ĂŒbernimmt und wer Risiko trĂ€gt. Die bequeme StabilitĂ€t der vergangenen Jahre, die Nichthandeln erlaubte, ist vorbei. Europa muss begreifen, was die estnische MinisterprĂ€sidentin ganz schlicht ausdrĂŒckte: Die Heizkosten können unertrĂ€glich werden, aber Freiheit ist einfach unbezahlbar.
Im Kalten Krieg galt: Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit. Damit hatten wir Erfolg. Heute mĂŒssen wir sagen: Jetzt Verantwortung fĂŒr unsere Freiheit durch geteilte Lasten und geteilte Risiken zu ĂŒbernehmen, ist der Preis fĂŒr unser Ăberleben und fĂŒr eine Zukunft in Frieden und Freiheit. Handelt Europa danach, dann werden wir diese Krise bewĂ€ltigen und Frieden in Europa wieder herstellen. Das schulden in Deutschland wir, die Angehörigen der glĂŒcklichsten Generation in den letzten Jahrhunderten deutscher Geschichte, unseren Kindern und Enkelkindern.






