Alle Zeichen standen auf institutionellen Neubeginn: Als die Bundesregierung Ende 2022 den Entwurf fĂŒr eine Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) erneut in die Ressortabstimmung verwies, sickerte durch, im Kanzleramt werde auch ĂŒber einen Nationalen Sicherheitsrat (NSR) diskutiert. Doch schon im MĂ€rz 2023 war das Vorhaben vom Tisch. Bundeskanzler und AuĂenministerin hatten sich nicht einigen können, ob die Institution geschaffen, vor allem aber, wo sie verortet werden sollte. Beide sahen die ZustĂ€ndigkeit im jeweils eigenen Haus. An der Entscheidung, das Konzept NSR ad acta zu legen, waren weder andere Bundesministerien noch LĂ€nder oder Bundestag beteiligt. Ein Verfahrensfehler, der bereits beim ersten Aufschlag fĂŒr die NSS zu Verzögerungen gefĂŒhrt hatte. Denn im zweiten Anlauf mussten alle Ressorts Gelegenheit erhalten, in einem angemessenen zeitlichen Rahmen substanzielle Stellungnahmen abzugeben. Die Veröffentlichung der Nationalen Sicherheitsstrategie wird nicht vor FrĂŒhsommer, um mehr als ein Jahr verspĂ€tet, erwartet. Womöglich noch spĂ€ter, denn die LĂ€nder haben ihr Mitspracherecht inzwischen mit Nachdruck eingefordert. Auf den gravierenden VerstoĂ gegen das Föderalismusprinzip musste eine Reaktion folgen. Wenig ĂŒberraschend kommt in diesem Kontext immer wieder auch das Fehlen eines Nationalen Sicherheitsrates zur Sprache.
Ein April voller Ăberraschungen
Der fĂŒr sein Wechselspiel bekannte vierte Monat des Jahres hatte indes Ăberraschungen parat: Der Ampel-Partner FDP sparte nicht an massiver Kritik am Aus fĂŒr den Rat. Damit untermauerten die Liberalen nicht nur ihre Forderung nach Schaffung eines Nationalen Sicherheitsrates, sondern auch die Position von CDU und CSU. Die FachgesprĂ€che der Unions-Bundestagsfraktion zum NSR mĂŒndeten in einen EntschlieĂungsantrag zur Nationalen Sicherheitsstrategie. Das ist nur auf den ersten Blick ĂŒberraschend. Denn dieser enthĂ€lt in Ziffer IIâ4 die explizite Forderung nach Einrichtung eines Nationalen Sicherheitsrates. Weiterhin mit einem zu engen Fokus auf Koordinierung der AuĂen- und Sicherheitspolitik, aber mit der logischen und vor allem richtungsweisenden VerknĂŒpfung von Institution und Strategiebildung sowie Strategiefortschreibung.
Dass der SPD-Vorsitzende des AuswĂ€rtigen Ausschusses als Ersatz fĂŒr den NSR einen »SachverstĂ€ndigenrat fĂŒr AuĂen- und Sicherheitspolitikâ vorschlug, hĂ€tte den Auftakt fĂŒr parteiĂŒbergreifende Lösungen bilden können. Doch seine nĂ€heren, ĂŒber dpa und Table Media am 11. April veröffentlichten ErlĂ€uterungen zu diesem Expertengremium mit eigenem âwissenschaftlichen Stabâ weisen nicht nur groĂe Ăhnlichkeiten mit einem bereits 2016 vorgestellten, deutlich umfassenderen institutionellen Modell[1] auf, das eine Verortung im Bundeskanzleramt und eine externe Analyseeinheit beinhaltet. Sie werden in derselben Verlautbarung durch die Einlassungen ein Nationaler Sicherheitsrat sei âsicher kein Allheilmittelâ und âDie Regierung [habe] ja genĂŒgend Möglichkeiten, sich in der AuĂen- und Sicherheitspolitik zu koordinierenâ gleichzeitig ad absurdum gefĂŒhrt. Warum sollte im Bundestag ein Gremium etabliert werden, das im Kanzleramt angeblich ĂŒberflĂŒssig ist und nicht gebraucht wird? Und warum wird nicht lĂ€ngst das geheim tagende Parlamentarische Kontrollgremium[2] genutzt, um die Abstimmung zwischen Nationalem Sicherheitsrat, Nachrichtendiensten, Parlament und LĂ€ndern zu ermöglichen?
Vorerst kostet das Votum gegen einen Nationalen Sicherheitsrat Deutschland nicht nur sicherheitspolitische Handlungs- und StrategiefĂ€higkeit, sondern auch internationales Ansehen. Zunehmend wird die Frage laut, ob die Bundesrepublik sich den Luxus leisten kann, auf einen Nationalen Sicherheitsrat zu verzichten. Dagegen sprechen ganz praktische GrĂŒnde und jĂŒngste Entwicklungen.
Suppe ohne Topf kochen â Wie soll das gehen?
Wer einmal versucht hat, eine flĂŒssige Mahlzeit ohne GefÀà zuzubereiten, kann von der Vergeblichkeit des Unterfangens berichten. Ăhnlich verhĂ€lt es sich mit der Nationalen Sicherheit, einem höchst volatilen Gemisch auĂen- wie innenpolitischer Faktoren. Die Zutaten mĂŒssen gut miteinander verrĂŒhrt werden, damit sie eine Verbindung eingehen und so optimale Wirkung entfalten können. Dazu braucht es einen Topf und einen Löffel. Das RĂŒhren, also die Vernetzung aller sicherheitspolitischen Informationen, Akteure und Risikofaktoren, sollte idealiter mit einem Instrument aus einer Hand erfolgen. Was zu viele Köche, gegenlĂ€ufiges oder zu langes RĂŒhren anrichten können, ist bekannt. Schnell wird aus Sahne Butter, wenn der Prozess zu langwierig oder schlecht koordiniert ist.
Ăberdies unterliegen die Rahmenbedingungen fĂŒr die Sicherheit Deutschlands einem rasanten Wandel. So sind Cyberbedrohungen oder Deep Fakes zunehmend hochgradig adaptiv und invasiv. Umso gröĂer die Gefahr fĂŒr das Funktionieren kritischer Infrastrukturen, der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Diskurses. Meinungsbildung ist zur Waffe mutiert. Auch die Folgen des Klimawandels sind mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr beherrschbar. Sicherheitspolitische Rezepturen, also ressortĂŒbergreifende Szenarien und die daraus abgeleiteten Strategien, mĂŒssen deshalb stĂ€ndig ĂŒberprĂŒft, angepasst oder gĂ€nzlich neu geschrieben werden. Eine Nationale Sicherheitsstrategie wird somit stets ebenso fluid sein, wie der Zustand maximaler Sicherheit, den sie gewĂ€hrleisten soll. Hier ist ebenfalls ein Topf nötig, der einen festen Rahmen fĂŒr permanenten Austausch und, soweit erforderlich, fĂŒr effektives Management akuter Krisen bietet.
Gut aufgestellt fĂŒr Ă€uĂere und innere Lagen?
Im Windschatten der Streitigkeiten im Kanzleramt blieben Berichte ĂŒber die geplante Einrichtung eines Planungs- und FĂŒhrungsstabes mit Lagezentrum im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) nahezu unbemerkt. Und das, obwohl dies ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung ist. Als interne Denkfabrik hĂ€tte der Stab das Potenzial fĂŒr strategisch-vorausschauende Beratung ĂŒber das TagesgeschĂ€ft hinaus, die bislang keines der Ressort-Lagezentren leisten kann. Der militĂ€rfachliche Rat kĂ€me in dieser Konstruktion allerdings grundsĂ€tzlich nur dem Ressortchef zugute. Anders organisiert lieĂen sich mit vergleichbaren Andockpunkten in allen Bundesministerien relevante Szenarien deutlich schneller erstellen, die dann ĂŒber einen NSR mit der erforderlichen PrĂ€zision fĂŒr das tĂ€gliche Kanzler-Briefing zusammengefĂŒhrt werden könnten. Szenare mit Relevanz fĂŒr Deutschlands Sicherheit können nie eindimensional sein und demzufolge auch nicht nur durch ein einzelnes Ressort entwickelt werden. Es bedarf stets ganzheitlicher Betrachtung und Ableitung des Bedrohungspotenzials.
Mit der neuen institutionellen Initiative bleibt das BMVg Vorreiter bei der Aufgabe, sich rechtzeitig auf die Abwehr aktueller Gefahren einzustellen. Seien es die neu geschaffenen Kommandos Territoriale FĂŒhrung, Cyber- und Weltraum oder zusĂ€tzliche Referate â sie alle sollen die FĂ€higkeiten zur vorausschauenden Analyse von Gefahren und Angriffspotenzialen steigern. Mitgedacht und eingeĂŒbt werden mit dem Bundesministerium des Innern auch innere Lagen. Dies zwei Bundesministerien zu ĂŒberlassen ist jedoch ein unhaltbarer Zustand. Es ist höchste Zeit, grundlegende Fragen zu klĂ€ren und sich neu zu organisieren.
Wir mĂŒssen reden
Bisweilen liegt nur ein schmaler Grat zwischen ĂŒberstĂŒrzten und beherzten EntschlĂŒssen. Was am Ende zĂ€hlt, ist das Ergebnis. Doch das ist derzeit wenig ĂŒberzeugend bis schĂ€dlich. Ohne Topf ergieĂt sich die Suppe weiter in alle Richtungen. Ohne Sicherheitsrat ist Deutschland im Spannungs- und Verteidigungsfall nur eingeschrĂ€nkt abwehrfĂ€hig, weil Entscheidungs- und HandlungsfĂ€den nicht zentral zusammenlaufen können. Eine bessere Vernetzung der KrĂ€fte mĂŒsste aus dem Stand funktionieren. Ohne einen zentral koordinierenden NSR ist dies nicht zu schaffen. Das gilt auch fĂŒr die umfassende BĂŒndelung der reichlich vorhandenen strategischen Expertise.
Die grundlegenden Fragen lauten: Klaffen Handlungsbedarf und notwendige Reaktionen ohne einen Nationalen Sicherheitsrat noch mehr auseinander? Wie lange kann sich Deutschland den dadurch verursachten Mangel an WiderstandsfĂ€higkeit noch leisten? Darf eine Versachlichung der Sicherheitspolitik weiterhin an persönlichen Befindlichkeiten scheitern? Unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine steigt der Handlungsdruck tĂ€glich. Kommentare, wie schnell die Bundesrepublik volle Handlungs- und StrategiefĂ€higkeit herstellen sollte, fĂŒllen Medien- und Fachformate. Zunehmend beschĂ€ftigen sie auch groĂe Teile der Bevölkerung, die die Auswirkungen der militĂ€rischen Auseinandersetzungen unmittelbar spĂŒrt.
WĂ€hrend in den kommenden Wochen KrĂ€fte durch die erneute Abstimmung der Nationalen Sicherheitsstrategie gebunden sind, dĂŒrfte der weitere Verlauf der öffentlichen Diskussion spannend werden. Denn genau in dieser Phase könnte sich die Situation in der Ukraine zuspitzen. Wieviel besser hĂ€tte die zusĂ€tzliche Zeit der Ressortbefassung fĂŒr die Etablierung eines NSR genutzt werden können. Er hĂ€tte die aktuell drĂ€ngendste sicherheitspolitische Herausforderung umfassender und schneller bearbeiten können als dies bisher möglich ist. Probleme ignorieren oder vertagen löst sie nicht. Wir mĂŒssen reden. Nicht nur ĂŒber die Bestandteile einer Nationalen Sicherheitsstrategie, sondern vor allem ĂŒber die Art, wie diese kĂŒnftig zustande kommen, umgesetzt und fortgeschrieben werden soll. Nationaler Sicherheitsrat â Deckel drauf? Danach sieht es nicht aus, zumal der Druck im Kessel steigt.
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[1] Dazu: Christina Moritz, Die Zeit ist reif fĂŒr einen Nationalen Sicherheitsrat. Blaupause fĂŒr eine Sicherheitsinstitution sui generis gesucht, in: EuropĂ€ische Sicherheit & Technik 6/2016, S. 86â88.[2] Vgl. Christina Moritz, Ad acta: Nationaler Sicherheitsrat ohne Parlaments- und LĂ€nderbeteiligung vor dem Aus?, in: Newsletter Verteidigung 8/2023, S. 9â11 (11).





