Ein Geburtstag mit Fragezeichen
Was fĂŒr ein Bild: ein deutscher Eurofighter zusammen mit israelischen Kampfflugzeugen ĂŒber Jerusalem â zur Feier des 75jĂ€hrigen Bestehens Israels. Luftwaffeninspekteur Ingo Gerhartz hatte die in deutsch-israelischen Sonderfarben lackierte Maschine persönlich von Deutschland zu dieser Feier geflogen. Wer hĂ€tte sich das vorstellen können, als im Mai 1948 endlich der Traum von Theodor Herzl wahr wurde, einen eigenen Staat fĂŒr die seit Jahrhunderten verfolgten Juden der Welt auszurufen â nur drei Jahre nach dem Ende des Holocaust, in dem Nazi-Deutschland sechs Millionen Juden umbrachte.
Gewiss ein spektakulĂ€res Zeichen der Versöhnung, dass solche demonstrativen Gesten möglich wurden. Allerdings hat das bereits eine lange Vorgeschichte. Schon an Weihnachten 1957 begann eine beispiellose deutsche UnterstĂŒtzung fĂŒr Israel, als der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef StrauĂ bei sich zu Hause eine kleine Delegation aus Israel empfing und ihr höchst geheime Waffenlieferungen aus den noch kleinen BestĂ€nden der gerade erst im Aufbau befindlichen Bundeswehr zusagte, darunter auch amerikanische Kampfpanzer. Das war, auch gegenĂŒber den Amerikanern, so geheim, dass man bei der Polizei Anzeige wegen Diebstahl erstattete, um das plötzliche Verschwinden dieser Waffen zu erklĂ€ren. Diese militĂ€rische Grundausstattung war ein wichtiger Beitrag fĂŒr Israels langjĂ€hrigen Ăberlebenskampf gegen die arabischen Staaten, die mehrfach versuchten, in Kriegen âdie Juden zurĂŒck ins Meer zu treibenâ, wie einige ihrer radikalen Vertreter tönten. Ein Beitrag, der bis heute andauert und militĂ€rstrategisch immer bedeutsamer wird.



Merkel: Israels Sicherheit ist deutsche StaatsrÀson
Bundeskanzlerin Angela Merkel setzte zum 60. Jahrestag der StaatsgrĂŒndung Israels im Jahr 2008 auch ganz öffentlich einen besonderen Akzent, als sie vor der Knesset erklĂ€rte, die Sicherheit Israels sei âdeutsche StaatsrĂ€sonâ.
Das waren nicht nur wohlmeinende warme Worte. Denn lĂ€ngst hatte zuvor schon ein Lieferprogramm begonnen, das fĂŒr Israels Sicherheit einen ganz besonderen Stellenwert hat. Auf DrĂ€ngen aus Jerusalem sagte die Bundesregierung die Lieferung von Dolphin-U-Booten zu, die als TrĂ€ger fĂŒr die Mittelstreckenraketen dienen, die mit israelischen Atomsprengköpfen ausgerĂŒstet sind. Damit erhielt Israel â vor allem vor dem Hintergrund der andauernden Drohungen aus dem Iran â eine nukleare ZweitschlagsfĂ€higkeit und damit die Möglichkeit, auch dann noch atomar zurĂŒckzuschlagen, wenn es zu einem vernichtenden Angriff auf israelische StĂ€dte kommen sollte. Seither verfĂŒgt Israel also ĂŒber eine glaubwĂŒrdige nukleare Abschreckung.
Auch dieses Programm dauert nicht nur fort. Die Lieferung drei weiterer deutscher UâBoote, noch gröĂer, noch effektiver (zum ersten Mal gleich mit vertikalen Abschussrohren versehen und damit klar als Raketenabschussrampe konstruiert) ist verabredet und verstĂ€rkt Israels nukleare Abschreckung noch weiter.
RĂŒstungsgĂŒter sind keine EinbahnstraĂe
Aber lĂ€ngst ist der Austausch von High-Tech-RĂŒstungsgĂŒtern zwischen Deutschland und Israel keine EinbahnstraĂe mehr. Im Gegenteil: Deutschland plant, von Israel das Arrow-3-Raktenabwehrsystem zu beschaffen, das zusammen mit den USA entwickelt wurde. Deshalb mĂŒssen auch die Amerikaner zustimmen. Dieses hocheffektive System soll die Abwehr von hoch anfliegenden ballistischen Raketen möglich machen, die auch Atomsprengköpfe tragen könnten, und so einen europĂ€ischen Schutzschild gegen diese Gefahr bilden â ein Projekt, das die Bundesregierung angeschoben hat.
LĂ€ngst gibt es auch andere High-Tech-Waffensysteme, die die Bundeswehr aus Israel bezieht, darunter auch groĂe Drohnen. Begonnen hatte diese UnterstĂŒtzung fĂŒr den Afghanistan-Einsatz mit der Heron-AufklĂ€rungsdrohne, die jetzt durch die bewaffnete Heron-TP-Drohne ergĂ€nzt wird. Sie wird nicht nur eben die Möglichkeit der Bewaffnung erhalten, wodurch ein doppeltes Tabu abgerĂ€umt wird, sondern in diesem Sommer erstmals mit einem Exemplar nach Deutschland verlegt, um einen Einsatz im deutschen Luftraum auszuprobieren. Das galt bisher als unmöglich. FĂŒr das Drohnen-Projekt hat die deutsche Luftwaffe stĂ€ndig Soldaten in Israel stationiert.



Bundeswehr auch mit SchĂŒtzenpanzern in Israel
Auch deutsche Heeressoldaten haben bereits zusammen mit israelischen Truppen den Orts- und HĂ€userkampf in der Negev-WĂŒste trainiert. Dieser Austausch lĂ€uft seit Jahren, er ist fast Alltag. Das relativiert zwar das spektakulĂ€re Bild von den deutschen Eurofightern zum 75. Jahrestags Israels ĂŒber Jerusalem, doch die herausragende Symbolik bleibt, und vor dem Hintergrund der Vergangenheit ist und bleibt sie alles andere als selbstverstĂ€ndlich â gerade jetzt. Denn obwohl militĂ€risch alles hervorragend lĂ€uft, tun sich politisch doch groĂe Fragezeichen auf, was die von Angela Merkel ausgerufene StaatsrĂ€son fĂŒr Israels Sicherheit bedeutet.
Dieses hehre Ziel beruht zum einen auf der Verpflichtung, die aus der Vergangenheit erwĂ€chst, zum anderen aber auch darauf, dass Israel Teil der demokratisch verfassten westlichen Wertegemeinschaft ist â die einzige Demokratie im Mittleren Osten, wie MinisterprĂ€sident Netanjahu immer wieder erklĂ€rt. Genau das jedoch sehen derzeit Millionen Israelis als gefĂ€hrdet an.
Im 75. Jahr seines Bestehens ist die Bevölkerung so gespalten wie nie zuvor. Die Palette der Gegner der derzeitigen Netanjahu-Regierung reicht vom (vorĂŒbergehend gefeuerten, jetzt wieder eingesetzten) Verteidigungsminister ĂŒber Generale und Ex- Geheimdienstchefs bis hin zu Piloten, die drohen, nicht mehr fliegen zu wollen. Shimon Stein, der frĂŒhere Botschafter in Berlin, warnte im ZDF sogar vor der Gefahr, Netanjahu und seine Regierung wollten einen Umbau des Staates so, dass âam Ende eine Diktaturâ stehen könnte. Israel sei deshalb an einem âhistorischen, kritischen, existentiellen Scheidewegâ, und hier dĂŒrfe es keine Kompromisse geben.
Sorgen auch in Berlin
Sorgen, die mehr oder weniger offen auch in Berlin geteilt werden. Beinahe wortgleich kritisieren der BundesprĂ€sident und der Kanzler die PlĂ€ne der Regierung in Jerusalem fĂŒr eine Justizreform. Der âUmbau des Rechtsstaatsâ erfĂŒlle ihn mit Sorge, so Steinmeier. Deutschland wisse, âwie notwendig dieser starke und lebendige Rechtsstaat in der Region istâ. Und Olaf Scholz sagt: âAls demokratische Wertepartner und enge Freunde verfolgen wir diese Debatte sehr aufmerksam und â das will ich nicht verhehlen â mit groĂer Sorgeâ.
Deutsche Eurofighter in deutsch-israelischen Farben zum Geburtstag ĂŒber Jerusalem einerseits, ganz ungewöhnlich undiplomatische Mahnungen der obersten deutschen ReprĂ€sentanten im Vorfeld dazu andererseits â das ist ein heftiges Kontrastprogramm. Das Dilemma ist groĂ.
Was also tun? Was bedeutet das Versprechen, Israels Sicherheit sei Teil deutscher StaatsrĂ€son, noch? Kann sie auch gegenĂŒber einem Partner gelten, wenn er die westliche Wertegemeinschaft faktisch verlassen sollte?
Sicherlich wĂ€re es höchst unklug, die engen militĂ€rischen Verbindungen und die RĂŒstungsprojekte infrage zu stellen. Sie sind und bleiben im beiderseitigen Interesse, im gegenwĂ€rtigen geostrategischen Umfeld mehr denn je.



Israelis mĂŒssen selbst entscheiden
Die politische Lage in Israel selbst jedoch muss kritisch beobachtet werden. Noch ist völlig unklar, wie diese hochexplosive Situation am Ende ausgehen wird. Das mĂŒssen die Israelis selbst unter sich ausmachen. Deshalb sollte man jetzt noch keine vorschnellen Entscheidungen treffen. Aber auch wenn Deutschland gewiss besonders sorgfĂ€ltig abwĂ€gen muss, wie man mit dem Staat der Juden umgeht, einfach wegschauen geht sicherlich nicht.
FĂŒr Ex-Botschafter Shimon Stein jedenfalls ist klar: âDas ist eine Zeit, wo Freunde Flagge zeigen mĂŒssenâ. Und wenn man Besorgnis zum Ausdruck bringe, âfinde ich das korrekt, auch wenn es von deutscher Seite kommt.â
















