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âRobocopâ, wie der heutige tunesische StaatsprĂ€sident Kais Saied im Vorfeld der PrĂ€sidentschaftswahlen im Oktober 2019 frei nach einem amerikanischen Science-Fiction-Film getauft wurde, galt ursprĂŒnglich als unbestechlicher Saubermann, als spröder Politiker, der im veralteten Hocharabisch sprach. Als ich in jenem Herbst auf einer Forschungsreise im Land unterwegs war, hatte ich Freunde in der jĂŒngeren Altersgruppe, die dennoch begeistert ihre Selfies mit dem damals 61-jĂ€hrigen Verfassungsrechtler vorzeigten. Das fĂŒhrte dann â in einem interkulturellen Kontext â meist zu vehementen Debatten ĂŒber Saieds PlĂ€doyer, HomosexualitĂ€t mit GefĂ€ngnis bestrafen zu wollen. Tunesiens junge Bevölkerung schien darĂŒber ebenso wie ĂŒber die BefĂŒrwortung der Todesstrafe hinwegzusehen. Zu groĂ war die Hoffnung, mit Saied mehr direktdemokratische Elemente im politischen System verankern zu können, endlich die Korruption zu bekĂ€mpfen und eine Machtverschiebung weg von den politischen Eliten und hin zur breiten Bevölkerung zu bewirken.
Ob damals jemand gedacht hĂ€tte, dass der selbsternannte bescheidene Beamte zwei Jahre spĂ€ter, am 25. Juli 2021, in einem âPutsch von obenâ Regierungschef Hichem Mechichi des Amtes entlassen und die Arbeit des Parlaments aussetzen wĂŒrde, ist fraglich. Was in dem Zuge als auĂergewöhnliche MaĂnahme in Reaktion auf sozioökonomisch motivierte StraĂenproteste sowie den politischen Machtkampf zwischen den âdrei PrĂ€sidentenâ â dem StaatsprĂ€sidenten, dem Premier sowie dem ParlamentsprĂ€sidenten Rached Ghannouchi â erschien, mĂŒndete genau ein Jahr spĂ€ter in eine Verfassungsreform. 30 Prozent der Landsleute stimmten in einem von Boykottaufrufen begleiteten Referendum einem neuen Verfassungsentwurf zu, der de facto die Gewaltenteilung abschaffte und die exekutive und legislative Gewalt im PrĂ€sidentenamt bĂŒndelte.
Geostrategische Interessen: Tunesien zwischen Europa und den USA
Warum ist diese Erosion der tunesischen âLeuchtturmdemokratieâ, wie sie seinerzeit auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Blick auf das Erbe des âArabischen FrĂŒhlingsâ pries, fĂŒr Deutschland und Europa von Bedeutung? Warum ist der Weg hin zu einem autoritĂ€ren System gar ein Grund zur Sorge auf der anderen Seite des Atlantiks? SchlieĂlich war Tunesien fĂŒr Washington geostrategisch hinsichtlich geringer Rohstoffinteressen sowie Handelsströme nie relevant und galt lange als Provinznest fĂŒr die US-AuĂenpolitik. Vor allem hinsichtlich der NĂ€he zu Europa sowie zur militĂ€rstrategisch wichtigen Sahel-Zone hat das Pentagon das Land auf dem Radar. FĂŒr die EuropĂ€ische Union, so der EU-Kommissar fĂŒr Nachbarschaft und Erweiterung OlivĂ©r VĂĄrhelyi im August 2020, gilt Tunesien indes als âSchlĂŒsselpartner in der sĂŒdlichen Nachbarschaftâ. Unzweifelhaft geht es dabei aber immer auch um strategische Interessen wie eine Steuerung und EindĂ€mmung der Migrationsströme etwa durch eine StĂ€rkung der wirtschaftlichen StabilitĂ€t des Mittelmeeranrainers. PrĂ€sident Kais Saied, der anfangs in BrĂŒssel als entschiedener und beliebter Politiker wahrgenommen wurde, war in diesem Kontext gar fast einst eine Art Hoffnungsfigur fĂŒr die Umsetzung dringend notwendiger Wirtschaftsreformen.
In der Pressemitteilung anlĂ€sslich Saieds Besuch in BrĂŒssel am 4. Juni 2021 ist von GesprĂ€chen mit RatsprĂ€sident Charles Michel, KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen und ParlamentsprĂ€sident David Maria Sassoli in einer âherzlichen AtmosphĂ€reâ die Rede, die sich auf ReformmaĂnahmen zur Ankurbelung des wirtschaftlichen Wachstums gerade auch im Zuge der Corona-Pandemie sowie auf die Themen Bildung, Kultur und Jugend fokussierten. Nachdem dann nur wenige Wochen spĂ€ter das Parlament in Tunis suspendiert worden war und die TĂŒren des Bardo-Palastes, der die Versammlung der Volksvertreter beheimatet, auch in den folgenden Monaten geschlossen blieben, reagierte das EuropĂ€ische Parlament halbherzig: Besorgt, aber mit wenig politischem Gewicht forderten die Parlamentarier in ihrer EntschlieĂung vom 21. Oktober 2021 die âRĂŒckkehr zur normalen Funktionsweise der staatlichen Institutionen, einschlieĂlich der RĂŒckkehr zu einer parlamentarischen Demokratie ohne Wenn und Aberâ. Meint es die EuropĂ€ische Union damit ernst, muss sie ihre ZurĂŒckhaltung ĂŒberdenken und die KonditionalitĂ€t als Mechanismus der politischen Einflussnahme stĂ€rker nutzen, etwa durch die teilweise Aussetzung makrofinanzieller UnterstĂŒtzung, sofern sie von Vorteil fĂŒr Saieds politische Bestrebungen sind.
Die GlaubwĂŒrdigkeit der EU und USA
Jenseits von wirtschaftspolitischen Fragen kommt es aber zuvorderst auf die politische Botschaft an: Europa sowie die USA tĂ€ten gut daran, sich zu den jĂŒngsten Entwicklungen im Zuge der Aushöhlung der Demokratie in Tunesien vehementer zu positionieren, wollen sie ihre GlaubwĂŒrdigkeit als immer auch wertegeleitet handelnde Akteure in der AuĂenpolitik nicht aufs Spiel setzen. SchlieĂlich haben EU sowie USA Tunesien in puncto Demokratieförderung im Nachgang der Jasmin-Revolution des Jahres 2011 in einer Stimmung der Euphorie ob der erwarteten Demokratisierung in groĂem MaĂe mit Worten und Taten unterstĂŒtzt. Auch vor dem Regimeende bemĂŒhten sich die beiden Geber, das unter Zine el-Abidine Ben Ali autokratisch regierte Partnerland durch MaĂnahmen wie einen direkt gefĂŒhrten kritischen politischen Dialog oder eine informelle Beratung der Opposition auf einen demokratischen Weg zu lenken.
Dabei kann fĂŒr beide externen Akteure stets ein Trend der kontinuierlichen Korrektur und Anpassung ihrer Demokratieförderinstrumente an sich ergebende Herausforderungen beobachtet werden. Als sich die EuropĂ€ische Union in den 2000er Jahren in eine Situation der âverbranntenâ GesprĂ€chskanĂ€le infolge einer sehr harschen Kritik an der ausbleibenden Meinungsfreiheit manövriert hatte, Ă€nderten die Diplomaten schnell ihre Strategie und beschrĂ€nkten sich auf eine sehr vorsichtige, verstĂ€ndnisvolle aber zugleich leise die beobachteten MissstĂ€nde thematisierende GesprĂ€chstaktik.
Demokratiehilfe auf verschiedenen Ebenen
Als kurz nach der Flucht von Diktator Ben Ali am 14. Januar 2011 zwar Barack Obama den Mut des tunesischen Volkes in höchsten Tönen pries, aufgrund der Kurzfristigkeit wie auch der Skepsis in einem von den Republikanern dominierten Kongress so schnell aber keine weiteren UnterstĂŒtzungsleistungen bereitgestellt werden konnten, erwies sich das regionale Programm der âMiddle East Partnerschaft Initiativeâ flexibel. Es konnten unbĂŒrokratisch mehr als 20 Millionen US-Dollar fĂŒr Demokratieförderprojekte in Tunesien umgeplant werden. Kleine und wenig beachtete Schritte wie diese weisen auf die Möglichkeit hin, auch in Situationen eines Engpasses oder des schnellen politischen Wandels bis hin zum Regimewechsel ideell zu handeln. Dazu kam in Tunesien die sehr aktive âCommunityâ der Demokratiehelfer, die auf einer untergeordneten low-policy-Ebene besonders seit 2011 in groĂen MaĂe Programme zur UnterstĂŒtzung der Zivilgesellschaft, der Parteien, der Justiz oder der Medienlandschaft durchfĂŒhrten â genannt seien nur die deutschen politischen Stiftungen oder die US-amerikanischen Parteiinstitute National Democratic Institute und International Republican Institute.
Aus diesen GrĂŒnden muss und darf Tunesien auch in Zeiten der rapiden Abnahme der demokratischen QualitĂ€t bzw. des langsamen Tods der Demokratie nicht einfach seinem Schicksal ĂŒberlassen werden. Umso mehr wundert es, dass US-AuĂenminister Antony Blinken Tunesien bei seiner Maghreb-Reise im Mai 2022 auslieĂ. Ferner dĂŒrfte es der transatlantischen Gemeinschaft nicht entgangen sein, dass Tunesien nur auf westlichen Druck hin dem Votum gegen den russischen Angriff auf die Ukraine in der UN-Vollversammlung im MĂ€rz 2022 zugestimmt hat. Vor der Folie eines sich verschĂ€rfenden globalen Systemkonflikts lĂ€sst das aufhorchen, hinsichtlich einer konstatierten globalen Autokratisierungswelle ebenso. Grund genug, die Tunesienpolitik in BrĂŒssel, Berlin und Washington wieder höher auf die Tagesordnung zu setzen.








