(27) Afghanistan steht vor geostrategischem Umbruch

„Wir haben 20 Jah­re afgha­ni­sche Eigen­ver­ant­wor­tung gepre­digt, aber gleich­zei­tig den Afgha­nen gesagt, wie sie’s machen sol­len“ – So fasst Dr. Elli­nor Zei­no den wohl grund­le­gen­den Feh­ler der Afgha­ni­stan-Poli­tik zusam­men. Zei­no lei­tet das Aus­lands­bü­ro Afgha­ni­stan der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung in Kabul. Sie initi­iert und mode­riert Reli­gi­ons- und Men­schen­rechts-Dia­lo­ge im Track‑1.5‑Format, vor allem zwi­schen den ver­schie­de­nen afgha­ni­schen Kon­flikt­par­tei­en und afgha­ni­schen Frau­en. Im Atlan­tic Talk Pod­cast beschreibt die Exper­tin für Bedro­hungs­la­gen, wie die Men­schen in völ­lig abge­schot­te­ten Bla­sen neben­ein­an­der­her leben. Um das auf­zu­bre­chen, sei ihr eige­ner Anspruch: „Wir wol­len nicht mit gleich­ge­sinn­ten Leu­ten reden“.

Die vom ehe­ma­li­gen US-Prä­si­den­ten Donald Trump erzwun­ge­nen Frie­dens­ge­sprä­che zwi­schen der afgha­ni­schen Regie­rung und den Tali­ban in Doha will Zei­no nicht für geschei­tert erklä­ren, „denn die Alter­na­ti­ve wäre Bür­ger­krieg“. Und auch wenn die Tali­ban die Regie­rung künf­tig über­neh­men soll­ten, gehe von dem soge­nann­ten „Isla­mi­schen Staat Karaha­san-Pro­vinz“ (ISKP) eine besorg­nis­er­re­gen­de Bedro­hung aus: „Gera­de auch in den gro­ßen Städ­ten unter der urba­nen Mit­tel­schicht sind sala­fis­ti­sche Grup­pen aktiv, auch der ISKP“. Es gehe des­halb vor allem dar­um, der jun­gen Bevöl­ke­rung, die ja die Mehr­heit der afgha­ni­schen Bevöl­ke­rung dar­stellt, ech­te Per­spek­ti­ven zu bie­ten, zumal für die­se Men­schen auch die Tali­ban nicht mehr wirk­lich attrak­tiv seien.

Im Atlan­tic Talk Pod­cast mit Mode­ra­tor Oli­ver Wei­landt spricht Dr. Elli­nor Zei­no auch über das Inter­es­se Chi­nas an einem sta­bi­len Afgha­ni­stan, um das Land an die neue Sei­den­stra­ße anzu­schlie­ßen, und inwie­weit dies dazu füh­ren könn­te, dass auch die Nach­bar­staa­ten sta­bi­li­sie­rend auf Afgha­ni­stan ein­wir­ken könn­ten. Auch die Tür­kei habe Ambi­tio­nen, in dem Kon­flikt Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Deutsch­land wür­den die Tali­ban nicht nur als Teil der NATO son­dern auch als inter­es­san­ten und wich­ti­gen Wirt­schafts­part­ner betrach­ten, ver­bit­ten sich jedoch jeg­li­che Ein­mi­schung in inne­re Ange­le­gen­hei­ten im Hin­blick auf Men­schen- und Frau­en­rech­te in einem vom Islam gepräg­ten Staat.

Aus Afgha­ni­stan, in dem bereits jetzt ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung Bin­nen­flücht­lin­ge sind, wird es in naher Zukunft auch gro­ße Flucht­be­we­gun­gen in Rich­tung Euro­pa geben. Das liegt für Dr. Zei­no auf der Hand, „ins­be­son­de­re auch nach Deutsch­land“. Sie macht auch deut­lich, wie schwie­rig das The­ma Asyl für frü­he­re und heu­ti­ge afgha­ni­sche Hel­fer der Bun­des­wehr, Geheim­diens­te und NGOs ist, und war­um sie für die­se eine sorg­fäl­ti­ge indi­vi­du­el­le Ein­zel­fall-Ent­schei­dung eben­so als not­wen­dig erach­tet, wie für Afgha­nen, die aus Deutsch­land abge­scho­ben wer­den sol­len. Nicht nur unter die­sem Aspekt geht es des­halb bei Afgha­ni­stan auch um die Ver­ant­wor­tung Deutschlands. 

Zu Gast:

Dr. Ellinor Zeino

Leiterin Auslandsbüro Afghanistan, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

Dr. Ellinor Zeino ist seit Ende 2018 Leiterin des Auslandsbüros Afghanistan der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul. Zuvor war sie Associate Director einer privaten Beratungsfirma für Sicherheitsanalysen zum Nahen Osten/Afrika und Leiterin des Krisen- und Lagezentrums. Sie hat viele Jahre in der internationalen Zusammenarbeit und Feldforschung in Marokko, Mauretanien, Ägypten, den UAE und Saudi-Arabien gearbeitet. In ihrer jetzigen Funktion in Afghanistan konzentriert sie sich auf Track-I,5/II-Dialoge, Vertrauensbildung und regionale Sicherheitswahrnehmungen.
An der Universität Hamburg und dem GIGA German Institute of Global and Area Studies wurde sie zum Thema „Saudi-Arabiens und Irans Irakpolitik“ promoviert. Sie hat einen Magisterabschluss in Politik, Recht und Wirtschaft der Universität Passau sowie einen fachspezifischen Sprachabschluss in Arabisch für Juristen.

Moderation:

Oliver Weilandt

Geschäftsführer der Hörfunkagentur »Internationaler Audiodienst (iad)«

Oliver Weilandt moderiert den »Atlantic Talk Podcast« der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. Der Agenturleiter und Autor zahlreicher Radiofeature und politischer Hintergrundberichte auf den Wellen der ARD sowie in den Programmen des Deutschlandradios verantwortet unter anderem auch das Privatfunkprogramm der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

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