Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

Ausgabe 17: Alicia Walz

Die Neuausrichtung der Bundeswehr unter dem Eindruck russischer Aggressionen und der Kehrtwende deutscher Außen- und Sicherheitspolitik – Gewinnerbeitrag des JĂŒrgen-Bornemann-Zukunftspreises.

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Die Zukunft der Bundeswehr hat sich in den letzten Monaten drastisch verĂ€ndert. Viele Jahre war auch ich der Meinung, dass die Zukunft in der AbrĂŒstung bei gleichzeitiger Spezialisierung der Bundeswehr liegen wĂŒrde. Über Jahrzehnte hinweg bestand das Sicherheitsrisiko vor allem in staatsfernen terroristischen Vereinigungen. An einen klassischen Frontenkrieg, gar in Europa, war kaum zu denken. Auch den Bedenken unserer östlichen Nachbarn, beispielsweise, dass wir Panzer brĂ€uchten, die nicht nur auf WĂŒstenuntergrund, sondern auch in Schlamm funktionsfĂ€hig sind, wurden mit einem LĂ€cheln begegnet; Die postsowjetische Paranoia. Schließlich wollte sich insbesondere Deutschland Russland immer weiter annĂ€hern. 

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine mussten sich viele von diesem Gedanken trennen; Eine Neuausrichtung ist notwendig. Konfrontiert mit einem komplexen Problem lohnt sich oftmals ein Blick in die Geschichte. 

Deutschland hat sich schon mehrfach in der Situation wiedergefunden, wo es zu einem Umdenken in der Ausrichtung seiner Armee kommen musste. Die Antwort nach dem zweiten Weltkrieg ist die gleiche wie heute. Die Zukunft der Bundeswehr kann nur europĂ€isch sein: Die Idee einer europĂ€ischen Armee kam bereits in den 1950er Jahren auf und ist noch immer aktuell. 

In diesem Essay werde ich drei europĂ€ische AnknĂŒpfungspunkte fĂŒr die Zukunft der Bundeswehr vorstellen.

Als erstes möchte ich den Punkt „Forschung und Entwicklung“ aufgreifen. Moderne AusrĂŒstung ist fĂŒr eine funktionstĂŒchtige Armee unerlĂ€sslich. Eine Entwicklung im High- Tech Bereich bedarf einer hohen finanziellen Bindung, zumal die benötigten Experten lukrativere Angebote im privaten Sektor erhalten/ aufgrund von lukrativeren Angeboten in den privaten Sektor abwandern. Mittels einer engeren europĂ€ischen Zusammenarbeit bestĂŒnde das Potenzial strategisch unabhĂ€ngig, zielgerichtet und vor allem gĂŒnstiger zu Forschen und Entwickeln.  Hinzu kommt, dass eine InterkompatibilitĂ€t zwischen den EuropĂ€ischen Mitgliedstaaten und deren MilitĂ€r dadurch besser gewĂ€hrleistet werden kann. Deren Bedeutung wird im aktuellen Konflikt in der Ukraine nur noch deutlicher. 

An diesem Punkt schließt sich der zweite Aspekt an. Die Bundeswehr braucht mehr europĂ€ische und internationale Kompetenzzentren und WehrĂŒbungen. Durch bestehende Kooperationen, wie den EuroCorps oder die EU Battlegroups, existieren bereits kleine AnfĂ€nge auf dem Weg zu einer funktionierenden Zusammenarbeit im Ernstfall. Auch hierfĂŒr kann der Krieg in der Ukraine als Beispiel herangezogen werden: Ohne eine funktionierende Kommunikation und Logistik kann selbst ein militĂ€risch ĂŒberlegener Gegner in BedrĂ€ngnis gebracht werden. WĂŒrde die verschlĂŒsselte Kommunikation zwischen NATO oder EU-Staaten im schrecklichen Falle eines Krieges reibungslos verlaufen? Insbesondere im Hinblick auf die verschiedenen nationalen Systeme? Angesichts der vielfĂ€ltigen Problempotenziale, die von einer mangelnden Abstimmung oder fehlerhaften Kommunikation ausgehen, wĂŒrde es sich jetzt schon lohnen gemeinsame Systeme und Kompetenzzentren zu entwickeln.

Schlussendlich bedarf es eines EU-FĂŒhrungsstabs, der der Bundeswehr ĂŒbergeordnet ist. Die Bundeswehr ist essenziell fĂŒr die Landesverteidigung und ein wesentlicher Teil der nationalen Gefahrenabwehr und als solche nicht zu ersetzen. Nichtsdestotrotz ist ein gemeinsames koordiniertes Vorgehen wichtig. DafĂŒr muss im Ernstfall geklĂ€rt sein welchem Kommando gemeinsam eingesetzte Truppen unterstehen. Eine festgelegte Kommandostruktur ist nicht nur in logistischer, sondern auch in rechtstaatlicher Hinsicht unerlĂ€sslich. Schließlich ist gerade die Bundeswehr mit dem Parlamentsvorbehalt eng an den Bundestag gebunden. Fragen der Verantwortung stellen sich regelmĂ€ĂŸig in einem weiten Spektrum an Problemfeldern. 

Diese Überlegungen werfen einige Fragen auf, beispielsweise ob Mitgliedstaaten dazu bereit sind ihre eigenen BĂŒrger zur Verteidigung anderer Mitgliedsstaaten in den Krieg zu schicken. Auch muss man sich mit staatstheoretischen Problemen, wie einer demokratischen Legitimation eines ĂŒber der Bundeswehr stehenden Generalstabs, befassen.

So komplex und abstrakt diese Fragen auch erscheinen, so wichtig ist es jetzt geeignete Antworten fĂŒr sie zu finden.

Die Bundeswehr muss momentan genauso wie Deutschland als Ganzes ihre Rolle innerhalb von Europa neu finden. Mit dem Koalitionsvertrag, dem White Paper der Kommission und nicht zuletzt der Wiederwahl Emmanuel Macrons, steht der Wunsch nach einer EuropĂ€ischen Armee prominenter denn je im Raum. Gleichzeitig steht die Bundeswehr, nun mit einem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro ausgestattet, im Spotlight der Öffentlichkeit. 

WĂŒnsche nach deutscher, auch militĂ€rischer Stellungsbeziehung werden schon seit lĂ€ngerem lauter. Es ist an der Zeit, dass Deutschland und damit auch die Bundeswehr im Herzen Europas die Chance ergreift, langfristige sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Und damit fit fĂŒr eine souverĂ€ne, unabhĂ€ngige und sichere Zukunft Europas wird.

Ein Beitrag von:

Alicia Walz

PreistrĂ€gerin des JĂŒrgen-Bornemann-Zukunftspreises der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und YATA Germany

Alicia Walz ist PreistrĂ€gerin des JĂŒrgen-Bornemann-Zukunftspreises der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und YATA Germany. Aktuell durchlĂ€uft sie als Rechtsreferendarin am Landgericht Aachen die finale Etappe ihrer Ausbildung. Sie hat ihr Studium der Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der EBS UniversitĂ€t fĂŒr Wirtschaft und Recht in Wiesbaden und Seoul absolviert. Ihre Masterarbeit befasste sich mit „Rechtlichen und Ökonomischen Aspekten der europĂ€ischen Außen- und Sicherheitspolitik“. Das Studium wurde von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und der EBS UniversitĂ€t gefördert. Ihrem Interesse an der EuropĂ€ischen Union geht sie seit 2016 als Mitglied der Jungen EuropĂ€ischen Föderalisten und Vorstandsmitglied der Regionalgruppe Köln nach.

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Elisabet Tsirkinidou M.A.

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