Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.
Volles Haus in der Mainzer Kurmainz-Kaserne. Ganz rechts im Bild der Kommandeur des Landeskommandos Mainz, Oberst Stefan Weber.

Hybride KriegfĂŒhrung Krieg am Beispiel des Ukrainekriegs

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Das Forum Mainz der Deutschen Atlantischen Gesellschaft – 2010 von Generalmajor a.D. Millotat gegrĂŒndet – hatte zu seiner 60. Veranstaltung am 18. April d. J. in die Kurmainz-Kaserne eingeladen. Über 14 Jahre ist es dem ehemaligen Befehlshaber im Wehrbereich gelungen, regelmĂ€ĂŸig hochkarĂ€tige MilitĂ€rs und Experten fĂŒr Sicherheitspolitik nach Mainz zu holen. Auch diesmal war der Konferenzsaal der Kurmainz-Kaserne bis auf den letzten Platz gefĂŒllt. Aktive Soldaten, ĂŒberwiegend aus dem Landeskommando Rheinland-Pfalz, Reservisten aus Mainz und Umgebung und an Sicherheitspolitik interessierte Mainz BĂŒrger erhielten von Oberst i. G. Dr. Johann Schmid eine EinfĂŒhrung in den weithin unbekannten Themenkomplex Hybride KriegfĂŒhrung

Das Auditorium erfuhr, dass „Hybride KriegfĂŒhrung“ zwar schon seit dem Altertum praktiziert wurde, es jedoch insbesondere im Westen an einem tieferen konzeptionellen VerstĂ€ndnis dieser unorthodoxen und ganzheitlichen Form der KriegfĂŒhrung mangelt. Der amerikanische MilitĂ€rtheoretiker Frank G. Hoffmann war einer der ersten, der die Begrifflichkeit „hybrid warfare“ ab Mitte der 2000er Jahre nutzte, um Konfliktlagen vor allem im Nahen-/Mittleren Osten aus Sicht der US-StreitkrĂ€fte zu beschreiben. Jedoch, so Schmid, war es insbesondere der Krieg in der und um die Ukraine ab 2014, der das Bild einer hybriden Art der KriegfĂŒhrung weltweit geprĂ€gt und die Debatte dazu im Westen in besonderem Maße inspiriert hat.

Fokus auf dem Russland-Ukraine-Krieg

Die ĂŒberraschende Übernahme der Krim durch maskierte russische Soldaten ohne Hoheitsabzeichen im Februar/MĂ€rz 2014 und das anfĂ€ngliche Leugnen des Kreml, damit in Verbindung zu stehen, sei ein Sinnbild hierfĂŒr.

Die weitere Entwicklung im Osten der Ukraine mit nachbarstaatlich gestĂŒtztem Separatismus und der bewaffneten Errichtung und militĂ€rischen Absicherung der neu geschaffenen sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk/Lugansk, unter RĂŒckgriff auf unter anderem »im Urlaub befindliche russische KĂ€mpfer«, habe diese Wahrnehmung weiter verstĂ€rkt. Acht Jahre lang sei anschließend das Streben nach plausibler Abstreitbarkeit einer offiziellen Beteiligung Moskaus im Mittelpunkt des russischen Agierens im hybriden Stellungskrieg im Donbas gestanden.

Konzept / BegriffsverstÀndnis

Basierend auf seiner Konzeptarbeit entwickelte Schmid ein auf drei Charaktermerkmalen und deren Wechselwirkungen beruhendes  BegriffsverstĂ€ndnis Hybrider KriegfĂŒhrung: Er analysiert diese als eine spezifische Form der KriegfĂŒhrung, die (erstens) das Gefechtsfeld horizontal entgrenzt und eine Entscheidung auch auf nicht-militĂ€rischen Handlungsfeldern anstrebt, die (zweitens) in den Grauzonen von Schnittstellen traditioneller Ordnungskategorien und Verantwortungsbereichen operiert und damit strategische AmbiguitĂ€t (Vieldeutigkeit) erzeugt und die (drittens) den Gegner durch unorthodoxe Mittel- und Methodenkombinationen herausfordert.

Hybride KriegfĂŒhrung, so Schmid, werde nicht nur militĂ€risch betrieben, sondern gleichzeitig auch als Informations- und Propagandakrieg, als Wirtschafts-/Finanz- oder Industriekrieg, als gesellschaftlicher Kulturkampf, ideologische Konfrontation oder auch als internationale diplomatische Auseinandersetzung. Hybride KriegfĂŒhrung konfrontiere uns dabei mit komplexen Operationen in den Grauzonen diverser Schnittstellen etwa zwischen Krieg und Frieden, Freund und Feind, innerer und Ă€ußerer Sicherheit oder zwischen zivilen und militĂ€rischen sowie staatlichen und nicht-staatlichen Verantwortungsbereichen und Akteurskategorien. Schließlich konfrontiere Hybride KriegfĂŒhrung die Gegner mit einer kreativen Kombination von Mitteln, Methoden, Taktiken und Strategien die in einem traditionelleren VerstĂ€ndnis eher getrennt voneinander zu sehen wĂ€ren. So werden regulĂ€re mit irregulĂ€ren, symmetrische mit asymmetrischen, offene mit verdeckten oder auch legale mit illegalen AnsĂ€tzen bewusst miteinander kombiniert.

Hybride GesamtkriegfĂŒhrung

Mit seinem großangelegten Überfall auf die Ukraine im Februar 2022, so Schmid, sei Russland aus dem Schattenbereich zwischen Krieg und Frieden sowie zwischen Freund und Feind herausgetreten. Nicht mehr indirekte und verdeckte geheimdienstlich-militĂ€rische Operationen und das Agieren ĂŒber Stellvertreter bestimmen seither das Handeln, sondern der offene, direkte militĂ€rische Schlagabtausch zwischen den russischen und ukrainischen StreitkrĂ€ften. Schmid fĂŒhrt aus, dass dies nicht das Ende hybrider KriegfĂŒhrung im Kampf um die Ukraine bedeute, sondern es sich vielmehr um eine Phase des konventionell-militĂ€risch intensivierten Kampfes im Kontext einer ĂŒbergeordneten (seit 2014 andauernden) hybriden GesamtkriegfĂŒhrung handle. Neben dem militĂ€rischen Kampf eskaliere gleichzeitig auch der Propagandakrieg, der Wirtschaftskrieg, der gesellschaftliche Kulturkampf sowie das Ringen um internationale UnterstĂŒtzung. Die derzeitige UnfĂ€higkeit beider Seiten den jeweils anderen militĂ€risch niederzuringen und die daraus resultierende zeitliche Ausdehnung des Krieges als Abnutzungs‑, Ermattungs- und VerwĂŒstungskrieg sind Katalysatoren fĂŒr die fortgesetzte hybride KriegfĂŒhrung im Kampf in der und um die Ukraine.

Deutschland und Europa im Fadenkreuz

Auch Deutschland und EU/NATO-Europa, so Schmid, stĂŒnden im Fadenkreuz hybrider Angriffe. Neben Cyberangriffen auf kritische Infrastrukturen und politische Einrichtungen, Desinformation, Propaganda und Radikalisierung in den Sozialen Medien bis hin zur Instrumentalisierung von Migrationsströmen zur Destabilisierung europĂ€ischer Gesellschaften und dem Aufbau militĂ€rischer Drohkulissen wĂŒrden in diesem Zusammenhang unterschiedlichste Angriffsvektoren miteinander kombiniert. Als hoch entwickelte, global vernetzte LĂ€nder mit offenen liberalen Gesellschaften seien die Staaten EU/NATO-Europas in besonderem Maße durch hybride Methoden der KriegfĂŒhrung verwundbar. Durch immer wieder neue Muster und Methoden des i.d.R. verdeckten und indirekten hybriden Vorgehens bestehe die Gefahr geschlagen zu werden, noch bevor das Vorliegen eines hybriden Angriffs zweifelsfrei erkannt werde und zugeordnet werden könne. Es sei insbesondere die Konvergenz diverser hybrider Risikofaktoren, die Deutschland, Europa und den Westen aus ganz unterschiedlichen Richtungen herausforderten und bedrohten. Erschreckend sei dabei die Leichtigkeit mit der „Hybridakteure“ gegen offene und liberale Gesellschaften, die sich bestimmter Gefahren nicht bewusst sind, vorgehen könnten. Gegen irregulĂ€re Migrationsangriffe („Weaponized Migration“), islamistische Radikalisierungsprozesse, die Ausbildung von Parallelgesellschaften mit divergierenden LoyalitĂ€ten wie auch gegen autokratische Einflussnahme von außen und die Infiltration freiheitlicher europĂ€ischer Gesellschaften durch ihre Gegner, haben Europa und insbesondere Deutschland noch keine Antwort gefunden.

Reaktion: Was ist zu tun?

Dazu gab Schmid die grundsĂ€tzliche  Anregung, das rechtzeitige Erkennen und Verstehen der immer wieder neuen, oftmals verdeckten und indirekten Muster und Erscheinungsformen hybrider KriegfĂŒhrung stelle den neuralgischen Punkt fĂŒr den Aufbau einer wirksamen Verteidigung und Gegenreaktion dar. Dies erfordere eine konzeptionelle Basis als Orientierungsrahmen fĂŒr Analyse und Lagebewertung. DarĂŒber hinaus kĂ€me es auf folgende Punkte an:

  • Bewusstseinswandel: Deutschland, Europa und der Westen mĂŒssen sich hinsichtlich hybrider Angriffe aus der Opferrolle befreien und zu aktiven Verteidigern gegen hybride Aggression werden! Dies erfordert einen Bewusstseinswandel und eine Sensibilisierung fĂŒr hybride Herausforderungen.
  • FĂŒr Deutschland kommt es besonders darauf an, Staat, Gesellschaft, Demokratie und die freiheitlich-demokratische Grundordnung auch gegen nicht-militĂ€rische Angriffsvektoren wie “weaponized migration“ oder islamistische Radikalisierung verteidigen zu wollen!
  • MilitĂ€risch kommt es darauf an, die FĂ€higkeit zur Landes- und BĂŒndnisverteidigung wiederherzustellen, um hybride Aggressoren von der Anwendung oder Androhung militĂ€rischer Gewalt abzuschrecken.
  • „GelegenheitskriegfĂŒhrung“: Da hybride Aggressoren alle sich bietenden Gelegenheiten nutzen, ist es wichtig, die eigene AngriffsflĂ€che zu verringern und hybriden Aggressoren möglichst keine einfachen Gelegenheiten zu bieten. Das kann geschehen durch Verteidigungsmaßnahmen, DomĂ€nen-ĂŒbergreifende Resilienzbildung und das Verengen der RĂ€ume fĂŒr hybride Grauzonenoperationen.
  • Da sich die grĂ¶ĂŸten Verwundbarkeiten i.d.R. in den RĂ€umen unklarer ZustĂ€ndigkeit und mangelnder Gesamtverantwortung befinden, kommt es besonders darauf an, ZustĂ€ndigkeitsfragen und Fragen der Gesamtverantwortung in der Grauzone diverser Schnittstellen vorausschauend zu klĂ€ren und zu organisieren. Dazu mĂŒssen Schnittstellenszenarien (z. B. zwischen Krieg und Frieden oder innerer und Ă€ußerer Sicherheit mit allen relevanten Teilakteuren beĂŒbt werden.
  • Deutschland muss damit beginnen, relevante Politikfelder wie Klima, Energie, Migration, Kultur oder innere Sicherheit nicht nur isoliert, sondern systematisch im sicherheitspolitischen Gesamtkontext hybrider Bedrohungslagen zu denken! Es muss ĂŒber das ihm eigene verengte „KĂ€stchendenken“ hinauswachsen!
  • Deutschland und Europa mĂŒssen eigene Verwundbarkeiten wie auch gegnerische hybride Angriffsvektoren besser und schneller verstehen! Dazu gilt es, die eigene AntizipationsfĂ€higkeit zu verbessern. Dies kann durch Modellbildung und Simulation geschehen.
  • Im Fadenkreuz hybrider Angriffe muss Deutschland den Status des „Schlafwandelns“ beenden. Der Aufbau eines DomĂ€nen-ĂŒbergreifenden Hybridlagebildes zur frĂŒhzeitigen Identifizierung der StrategieansĂ€tze hybrider Herausforderer wĂ€re dazu ein erster wichtiger Schritt.
Ein Beitrag von:

M.Sauer

Red. JS
Zu Gast:

Oberst i.G. Dr. Johann Schmid

Lehrbeauftragter an der Professur MilitÀrgeschichte/Kulturgeschichte der Gewalt an der UniversitÀt Potsdam
Weitere Informationen erhalten Sie von:

Michael Simon

BĂŒroleitung · Referent
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Foto 3 Mainz Oberst i. G. Dr. Stefan Schmid war von 2018 bis 2021 Direktor der „Community of Interest Strategy and Defence“ am Hybrid CoE in Helsinki. Seit April 2022 forscht er am Zentrum fĂŒr MilitĂ€rgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam zum Themenkomplex Hybride KriegfĂŒhrung. M. Sauer / Archiv JS foto-3-mainz-150x150.jpg
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