Deutsche Atlantische Gesellschaft e.V.

F.A.Z. Interview mit Generalleutnant a. D. Heinrich Brauß

VERSAGEN DER RUSSISCHEN ARMEE – „Das ist unglaublich“

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Das Interview fĂŒhrte Morten Freidel in der FAZ

Herr Brauß, viele dachten, Russland werde diesen Krieg schnell gewinnen. Sie auch? 

Ich glaube, sehr viele haben die russische Armee aufgrund der Informationen, die wir bis Kriegsbeginn hatten, und der EinschĂ€tzung ihrer nominellen Kampfkraft ĂŒberschĂ€tzt. Nach meinem Eindruck jedenfalls die große Mehrheit der Analysten.

Wie konnte das passieren? 

Wir haben angenommen, dass die russische Armee modern und kampfstark ist, gut ausgebildet und ordentlich gefĂŒhrt wird. Die Russen haben nach eigenen Angaben 900 000 Soldaten, davon weit ĂŒber 300 000 Heeres- und Luftlande­krĂ€fte. Wenn man von der schieren Zahl ausgeht, dann ist die russische Armee der ukrainischen weit ĂŒberlegen.

Manche SchwĂ€chen der russischen Armee waren aber bekannt. Sie hat starre Hierarchien, korrupte Offiziere. WĂ€re das nicht ein Grund gewesen, die russische Kampfkraft vorsichtiger einzuschĂ€tzen? 

Nein, man kann kaum vorhersagen, wie sich das in einem Krieg auswirkt. Außerdem musste man grundsĂ€tzlich doch davon ausgehen, dass die russische ArmeefĂŒhrung einen solchen Feldzug professionell plant, sich auf unterschiedliche Szenarien und Lageentwicklungen einstellt und dabei vor allem auch durchgĂ€ngig die Logistik fĂŒr die VerbĂ€nde sicherstellt; dass es also genug Munition, Treibstoff, Verpflegung fĂŒr die Soldaten gibt und deren medizinische Versorgung im Gefecht fĂŒr eine lĂ€ngere Zeit und nicht nur fĂŒr die ersten Kilometer. Aus rein militĂ€rischer Per­spektive muss man dies annehmen, wenn die hochgerĂŒstete Armee einer nuklearen Großmacht nach langer Vorbereitung ein anderes Land angreift. Dass das offenbar nicht in dem erforderlichen Maß geschehen ist, hat niemand ahnen können. Offenbar ging die russische ArmeefĂŒhrung davon aus, sie könnte in wenigen Tagen Kiew erobern. Eine völlig falsche Beurteilung des Verteidigungswillens und der FĂ€higkeit der ukrainischen StreitkrĂ€fte, die sich seit acht Jahren vorbereitet haben.

Im ersten Irakkrieg griff eine Koalition unter FĂŒhrung der Amerikaner mit fast einer Million Soldaten den Irak an. Sind fĂŒr einen Krieg dieser GrĂ¶ĂŸenordnung 200 000 russische Soldaten einfach zu wenig?

Nicht unbedingt, denn mindestens so wichtig wie Umfang und AusrĂŒstung sind das militĂ€rische und politische Ziel und die Kunst der OperationsfĂŒhrung, die Ausbildung und Motivation der Truppe. Der Aufmarsch der Russen in einem großen Halbkreis um die Ukraine war eigentlich dazu angetan, mit schnellen StĂ¶ĂŸen in die Tiefe des Raums die verteidigende Armee zu umgehen, einzuschließen und auszuschalten. Jeder, der etwas von militĂ€rischer OperationsfĂŒhrung versteht, musste annehmen, dass die ukrainischen VerteidigungskrĂ€fte weit auseinandergezogen wĂŒrden und keinen klaren Schwerpunkt bilden könnten, weil sie nicht ĂŒberall zugleich sein können. Ich bin zum Beispiel davon ausgegangen, dass Putin die Ukrainer an mehreren Stellen bindet und sich dann darauf konzentriert, den ganzen Donbass zu nehmen und eine LandbrĂŒcke zur Krim herzustellen, statt die großen StĂ€dte anzugreifen. Er hĂ€tte dann die Stellung halten und Friedensverhandlungen anbieten können mit dem Ziel, die Kontrolle ĂŒber die eroberten Gebiete zu behalten und dadurch die Regierung in Kiew zu stĂŒrzen und durch moskaufreundliche Vertreter zu ersetzen. Dass er dagegen einen so großrĂ€umigen, mit weitreichenden Zielen und großem Risiko verbundenen Krieg fĂŒhren wĂŒrde, um das ganze Land zu unterwerfen und zu kontrollieren, habe ich nicht erwartet. DafĂŒr sind 200 000 Mann viel zu wenig.

Sie haben eben von einer modernen Armee gesprochen. Haben die Fachleute sich blenden lassen von Entwicklungen wie der russischen Hyperschallrakete, statt zu schauen, was die Armee wirklich kann? 

Das glaube ich nicht. Nach dem Krieg gegen Georgien im Jahr 2008, bei dem große MĂ€ngel in der FĂŒhrung, Struktur und AusrĂŒstung zutage traten, machte sich die russische FĂŒhrung daran, ihre Armee im großen Stil zu modernisieren. Was die Russen heute an AusrĂŒstung haben, ist beeindruckend: allein die große Menge an Artillerie, Raketenwerfern und Marschflugkörpern. Auf dem Papier sprach vieles dafĂŒr, dass sie die ukrainische Armee ĂŒberrennen können.

Auf Videos ist immer wieder zu sehen, wie russische Panzer in einer Kolonne ĂŒber Landstraßen und durch Dörfer fahren und von Ukrainern mit PanzerfĂ€usten angegriffen werden. Man sieht keine Infanterie, die die Panzer vor solchen Hinterhalten schĂŒtzt.

Ich wundere mich ĂŒber solche Bilder ebenso wie Sie.

Wie erklĂ€ren Sie sich das? 

Man muss mit der Bewertung solcher Videos vorsichtig sein. Sie sind bewusst ausgewĂ€hlt und zeigen nur Ausschnitte, die man nicht verallgemeinern kann. Wir Betrachter wissen nicht, wie es vor Ort wirklich aussieht. Aber diese Videos vermitteln den Anschein, als ob die russischen Einheiten in solchen FĂ€llen GrundsĂ€tze fĂŒr richtiges Verhalten im Krieg missachten. Dass sie beispielsweise nicht richtig aufklĂ€ren, weder mit Drohnen noch mit einer AufklĂ€rungseinheit, die vorausgeht und die Lage erkundet und meldet. Eine Panzereinheit, die, wie man sehen konnte, in dicht gedrĂ€ngter Kolonne durch ein Dorf im Feindesland fĂ€hrt, macht einen Fehler, der tödlich ausgehen kann. Sie sollte Ortschaften umfahren, sich im freien GelĂ€nde bewegen, tief gestaffelt und mit großen AbstĂ€nden vorgehen. Dann hat es der Verteidiger schon schwerer, mehrere Panzer auf einmal abzuschießen. Und in kritischen Situationen muss begleitende Infanterie absitzen, um auf Gegenangriffe und Hinterhalte sofort reagieren zu können.

Wieso sieht man kaum russische Hubschrauber und Kampfflugzeuge? Auch hier ist die Übermacht auf dem Papier erdrĂŒckend. Ist die ukrainische Luftabwehr der Grund dafĂŒr? 

Ich glaube, dass der normale Fernsehzuschauer davon keine Aufnahmen erhĂ€lt, weil bei Luftangriffen keine Kamerateams vor Ort sind. Hinzu kommt, dass die russische Luftwaffe zwar ĂŒber LuftĂŒberlegenheit, aber nicht ĂŒber die Luftherrschaft verfĂŒgt. Die Ukraine besitzt immer noch genĂŒgend einsatzfĂ€hige Flugabwehrsysteme. Wie man hört, fliegt die russische Luftwaffe die meisten Angriffe in der Nacht oder in der DĂ€mmerung. Vielleicht kommt auch ein grundsĂ€tzlicher Faktor hinzu: Die russische Armee ist zwar jetzt im Krieg mit der Ukraine, der viel lĂ€nger dauert und verlustreicher wird als angenommen. Aber die militĂ€rische FĂŒhrung muss auch im Auge behalten, ein hohes Maß an Kampfkraft zu erhalten, um aus ihrer Sicht das militĂ€rische Gleichgewicht gegenĂŒber der NATO zu wahren und ihr gegenĂŒber handlungsfĂ€hig zu bleiben. Wenn ich russischer Generalstabschef wĂ€re, wĂŒrde ich mir Sorgen machen, dass der Krieg womöglich die besten Teile meiner Armee verschleißt, die russischen StreitkrĂ€fte aber nach wie vor gegen die NATO gewappnet bleiben mĂŒssen, die theoretisch in den Krieg zugunsten der Ukraine eingreifen könnte. Wie gesagt: aus russischer Perspektive, in der die NATO grundlos eine Bedrohung ist.

Hat man nicht nur die Russen ĂŒberschĂ€tzt, sondern die Ukrainer unterschĂ€tzt? 

Ich glaube, ja. Die ukrainische Armee steht seit acht Jahren in einem Abwehrkampf gegen die Separatisten im Donbass, die von Russland unterstĂŒtzt werden, und hat dabei viel Erfahrung gesammelt, allerdings auch viele Gefallene zu beklagen. DarĂŒber hinaus haben in Deutschland wohl nur wenige mitbekommen, dass einige VerbĂŒndete seit Jahren mit den Ukrainern zusammenarbeiten, vor allem Amerikaner, Briten und Fachleute aus den NATO-StĂ€ben. Sie haben der ukrainischen Armee wichtige Ausbildungs- und AusrĂŒstungshilfe geleistet. Sie kannten sicher den Stand der Vorbereitung, die QualitĂ€t der FĂŒhrung und die Motivation der Soldaten. Mir ging es so, dass ich anfangs immer noch die Bilder von der russischen Aggression von 2014 im Kopf hatte, als die Ukrainer hohe materielle Verluste erlitten und nur mit MĂŒhe die Linie im Donbass halten konnten.

Welche Leistung der Ukrainer hat Sie am meisten ĂŒberrascht? 

Mich hat vor allem ĂŒberrascht, wie gut die ukrainische Armee auf den russischen Angriff vorbereitet war, mit welcher Entschlossenheit, Energie und Widerstandskraft sie fĂŒr die Freiheit und UnabhĂ€ngigkeit ihres Landes kĂ€mpft; wie beherzt, agil und beweglich sie das Abwehrgefecht fĂŒhrt. Offensichtlich wendet sie FĂŒhrungsgrundsĂ€tze und Taktiken an, die auch in unseren westlichen Armeen praktiziert werden, beispielsweise das sogenannte FĂŒhren mit Auftrag. Das bedeutet, der verantwortliche Kommandeur und EinheitsfĂŒhrer entscheidet selbst, wie er seinen Auftrag mit seiner Truppe am besten ausfĂŒhrt, weil er das am besten beurteilen kann, und ĂŒbernimmt dafĂŒr die Verantwortung.

Aber selbst entscheiden, wie sie ihre Ziele erreichen, können doch die meisten Kommandeure.

Die russischen offenbar nicht. Man hört, die Offiziere in der russischen Armee warten eher auf Befehle, wenn sie in eine neue Lage geraten, statt selbstĂ€ndig zu handeln und die Initiative zu ergreifen. Ich bin zwar nicht sicher, ob das fĂŒr die gesamte russische Truppe zutrifft. Aber man hört auch, dass sogar Kommandeure bis hoch zur Divisionsebene nicht darĂŒber informiert wurden, dass sie in den Krieg gegen die Ukraine ziehen, und auch nicht ĂŒber Ziel und Zweck ihres Auftrags und ihre Rolle im Angriff. Viele russische Soldaten gingen davon aus, dass es sich um eine GroĂŸĂŒbung handelt. Das ist unglaublich und fatal fĂŒr das Vertrauen der Truppe in die FĂŒhrung, fĂŒr ihre LeistungsfĂ€higkeit und Einsatzbereitschaft. Nun sucht man Schuldige fĂŒr den mangelnden Erfolg: Putin hat angeblich mehrere GenerĂ€le und ranghohe Angehörige des Geheimdienstes unter Hausarrest gestellt.

Warum machen es die Russen dann nicht anders, so wie die Ukrainer? 

So einfach ist das nicht. Das ist eine Frage der militĂ€rischen Kultur, die sich ĂŒber Jahrzehnte entwickelt und sich nicht von heute auf morgen Ă€ndern lĂ€sst.

Was können die Russen jetzt noch erreichen? 

Ich vermute, sie werden versuchen, Odessa einzuschließen und zu besetzen. Dann hĂ€tten sie den gesamten SĂŒdabschnitt genommen und damit das Land vom Zugang zum Schwarzen Meer abgeschnitten. Das wĂ€re ein schwerer Schlag fĂŒr die Ukraine, weil sie dann wirtschaftlich stranguliert wĂ€re. Eine weitere Möglichkeit wĂ€re, dass die russische Armee versucht, parallel zum Fluss Dnipro nach Norden vorzustoßen. Dann mĂŒsste die ukrainische MilitĂ€rfĂŒhrung alles tun, damit ihre Truppen ostwĂ€rts des Dnipro nicht eingeschlossen und abgeriegelt werden, sie sich notfalls also rechtzeitig zurĂŒckziehen. Das wĂŒrde allerdings bedeuten, die östliche Ukraine aufzugeben. Ich bin aber nicht sicher, ob die Russen zu solchen raumgreifenden VorstĂ¶ĂŸen ĂŒberhaupt noch in der Lage sind. Denn sie sind ja dazu ĂŒbergegangen, den gnadenlosen Bombenterror gegen StĂ€dte und Zivilbevölkerung noch weiter zu verschĂ€rfen – mit einer BrutalitĂ€t, die wir aus Grosny und Aleppo kennen, die fĂŒr uns aber unvorstellbar ist. Die Zerstörung ganzer Viertel, Ortschaften und StĂ€dte wie Mariupol, in denen die Bevölkerung entsetzlich leidet, ist Zeichen eines Vernichtungskriegs. Die russische FĂŒhrung will offensichtlich die ukrainische Bevölkerung zermĂŒrben und die Regierung zum Aufgeben zwingen. Das sind abscheuliche Kriegsverbrechen. Eine anstĂ€ndige und ehrenhaft kĂ€mpfende Armee tut so etwas nicht.

Zu Gast:

Generalleutnant a.D. Heinrich Brauß

Ehemaliger Beigeordneter NATO-GeneralsekretĂ€r fĂŒr Verteidigungspolitik und StreitkrĂ€fteplanung (2013 – 2018)

Heinrich Brauß ist Generalleutnant a. D. der Bundeswehr, Leiter der jĂ€hrlichen NATO Talk-Konferenz der Deutschen Atlantischen Gesellschaft und seit Oktober 2018 Senior Associate Fellow der Deutschen Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik (DGAP) in Berlin. General Brauß war von Oktober 2013 bis Juli 2018 Beigeordneter NATO-GeneralsekretĂ€r fĂŒr Verteidigungspolitik und StreitkrĂ€fteplanung (Assistant Secretary General for Defence Policy and Planning) im Internationalen Stab der NATO in BrĂŒssel wie auch Vorsitzender des Defence Policy and Planning Committee des Nordatlantikrats. Er ist ĂŒberdies Verfasser der DAG-Publikation NATO 75 – Entwicklung · Erfolge · Herausforderungen.

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